26.03.2020 
Branchenexperte Franz Neumeier über Chaos bei Seereisen

Diese Kreuzfahrtschiffe irren noch umher

Von Antje Blinda, DER SPIEGEL
Cliff Hawkins/Getty Images/AFP

SPIEGEL: Herr Neumeier, Sie verfolgen als Kreuzfahrtblogger die aktuelle Lage. Wie viele Kreuzfahrtschiffe irren zurzeit auf den Meeren herum, weil sie aufgrund der Coronakrise nicht anlegen dürfen?

Neumeier: Ungefähr 30, vielleicht auch noch mehr. Aber längst nicht alle irren wirklich herum und finden keinen Hafen zum Ausschiffen. Die meisten weichen zwar von ihren geplanten Routen ab, haben aber ein klares Ziel und brauchen nur noch eine Weile, um etwa aus Australien oder dem Amazonas wieder in Europa anzukommen.

SPIEGEL: Geht es immer um Verdachtsfälle oder Corona-Infizierte an Bord, wenn Häfen das Ausschiffen - also das Verlassen der Schiffe - verbieten?

Franz Neumeier
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    Franz Neumeier, 51, ist freier Reisejournalist mit eigenem Blog. Er war Chefredakteur mehrerer IT-Fachzeitschriften; vor mehr als zehn Jahren hat er sich mit Kreuzfahrten als Themenschwerpunkt selbständig gemacht und ist - zu normalen Zeiten - über Hundert Tage pro Jahr auf See unterwegs.

Neumeier: Nein, sämtliche Länder haben ihre Häfen inzwischen geschlossen und lassen keine Ausländer ins Land. Die USA - mit Ausnahme Hawaii - sind eines der wenigen Länder, die zur Ausschiffung am Ende einer Reise Kreuzfahrtpassagiere an Land lassen, sofern sie direkt nach Hause fliegen. In Australien wird vieles über den Hafen von Fremantle an der Westküste abgewickelt. Wenn es keine Infizierten an Bord gibt, werden die Urlauber direkt vom Hafen zum Flughafen eskortiert. Die "Braemar" hatte mindestens sechs Infizierte an Bord, wurde von Barbados abgewiesen und durfte - ganz erstaunlich - in Kuba anlegen, die etwa 680 Passagiere sind inzwischen zu Hause in Großbritannien. Die positiv getesteten Passagiere flogen in einer getrennten Maschine.

SPIEGEL: Stehen noch Schiffe irgendwo unter Quarantäne aufgrund von Coronakranken?

Neumeier: Positive Fälle an Bord haben im Moment zwei Schiffe: Die "Silver Shadow" liegt seit 12. März vor Anker vor Recife in Brasilien, die "Silver Explorer" seit 20. März in Puerto Montt in Chile. Noch ist unklar, wann die Passagiere von Bord dürfen. Die "Aida Mira" lag mit einem Verdachtsfall eine Woche unter Quarantäne in Kapstadt, der sich nicht bestätigte. Die Letzten der 1240 deutschen Passagiere sind am Montag nach Hause geflogen.


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SPIEGEL: Es gibt Fotos von Kreuzfahrtschiffen, die ihre Passagiere per Tenderboot auf See austauschen. Was ist da passiert?

Neumeier: Ja, von so einer Aktion hatte ich zuvor auch noch nie gehört. Zwei Schiffe von Transocean/CMV waren im Raum Südostasien unterwegs und durften in Thailand nicht anlegen. Daher haben sie vor Phuket auf See Passagiere ausgetauscht, um sie in ihre Heimathäfen zu bringen - alle Europäer auf die "Columbus", alle Australier auf die "Vasco da Gama". Über Tenderboote wurden 239 Menschen, mehr als 500 Gepäckstücke und Lebensmittel hin- und hertransportiert. Die "Columbus" mit 904 Passagieren ist jetzt nach Tilbury in Großbritannien und die "Vasco da Gama" mit 957 Passagieren nach Fremantle unterwegs.

SPIEGEL: Ist die Versorgung der Passagiere gesichert, auch wenn sie nicht von Bord dürfen und sich ihre Fahrt ins Unbestimmte verlängert?

Neumeier: Ja, die meisten Häfen lassen die Schiffe entweder anlegen oder vor Anker gehen, sodass Container mit Lebensmitteln an Bord können und Bunkern, also Tanken, möglich ist.

SPIEGEL: Wie geht es den Passagieren?

Neumeier: Sie werden ganz normal wie sonst auf Kreuzfahrten versorgt, nur Landgänge gibt es nun mal nicht. Von einem Fall habe ich gehört, dass Internet an Bord kostenlos ist, woanders sind Getränke an der Bar gratis. Das Letzte, was die Reedereien gebrauchen können, ist, dass Passagiere nervös werden - schon gar nicht auf den wochenlangen Überfahrten.

SPIEGEL: Uns berichten Leser, dass sie auf den Kreuzfahrtschiffen so schlecht informiert würden.

Neumeier: Die Reedereien können nur die Informationen weitergeben, die sie selbst haben. Und mir erzählen sie, dass sie selbst von Minute zu Minute nicht wissen, was passiert. Behörden würden widersprüchliche Informationen geben. Oder mal würden Genehmigungen erteilt, und zwei Stunden später greift ein Gouverneur ein und nimmt sie wieder zurück. Auch die Unternehmen sind in einer Situation, die noch nie da gewesen ist.

SPIEGEL: Welche Schiffe haben zurzeit kein Ziel?

Neumeier: Das wechselt von Stunde zu Stunde. So sollte die "Maasdam" von Holland America erst in Hawaii in Hilo, dann in Honolulu ausschiffen, dann haben die hawaiianischen Behörden sich doch geweigert. Jetzt ist sie auf dem Weg nach San Diego. Die "Norwegian Jewel" wurde auf den Fiji-Inseln, in Neuseeland und Französisch Polynesien abgewiesen. Dann hieß es, sie dürfe Hawaii nur anfahren, um Lebensmittel und Treibstoff aufzunehmen und sollte weiter zur US-Westküste. Jetzt plötzlich dürfen die Passagiere doch in Hawaii an Land - das kann man als Passagier wohl erst glauben, wenn man von Bord ist.

SPIEGEL: Welche Schiffe sind jetzt auf Transferfahrten unterwegs?

Neumeier: Das sind noch einige. Die "Queen Mary 2" etwa ist auf dem Weg von Fremantle in Australien nach Southampton. Die Schiffe der deutschen Reederei Phoenix Reisen wie "Amera", "Amadea" oder "Albatros" sind auf dem Weg nach Deutschland. Die benötigen noch Wochen nach Hamburg und Bremerhaven.

SPIEGEL: Sind noch alle Gäste an Bord?

Neumeier: Auf manchen Schiffen hatten die Passagiere unterwegs die Chance, auszuschiffen und nach Hause zu fliegen. Die "Artania" von Phoenix Reisen mit Platz für etwa 1200 Gäste war zum Beispiel in Sydney. Recht viele, nämlich rund 800 der Passagiere, haben sich entschieden, nicht zurückzufliegen, sondern für 28 Tage an Bord zu bleiben. Sie werden erst am 14. April in Bremerhaven erwartet. Die Passagiere anderer Schiffe dagegen durften nicht an Land - wie die der "Amera", die in Manaus am Amazonas nicht von Bord konnten und nun am 4. April in Hamburg eintreffen soll.

SPIEGEL: Wenn die Passagiere lieber fliegen wollten, wie haben sie denn noch Flüge bekommen? Viele sind ja auch gestrichen.

Neumeier: Bei der "Artania" gab es von Sydney noch Plätze in Linienmaschinen, um die sich die Reederei gekümmert hat. Bei anderen Schiffen zum Beispiel aus der Karibik waren das teils schon extra eingesetzte Flieger für die Rückholung von Deutschen aus dem Ausland.

SPIEGEL: Und haben nun alle Reedereien ihre Fahrten eingestellt?

Neumeier: Ja, zumindest alle großen haben bis ungefähr Ende April alle Reisen abgesagt. Zurzeit wäre es auch unmöglich, eine Kreuzfahrt stattfinden zu lassen, weil weltweit alle Häfen geschlossen sind.

SPIEGEL: Was sollten Urlauber machen, die etwa im Mai eine Kreuzfahrt gebucht haben?

Neumeier: Abwarten - das gilt aber zurzeit für alle gebuchten Reisen. Außer wenn ich die Flüge selbst gebucht habe, sie nicht Teil des Pauschalpakets sind und ich sie eventuell nicht erstattet bekomme. Zurzeit sind die Reedereien überlastet, müssen viele Reisen rückabwickeln und haben keine Zeit, Antworten auf Fragen zu Kreuzfahrten im Mai oder Juni zu geben.

SPIEGEL: Wären Sie als Kreuzfahrtfan jetzt gern bei einer der langen Transferfahrt etwa über den Atlantik dabei?

Neumeier: Was das Coronavirus angeht, wäre so ein Schiff zurzeit vielleicht der sicherste Ort der Welt. Aber ehrlich gesagt, bin ich lieber zu Hause.

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