26.07.2016 
Wie die Alpen vor 200 Jahren

Das Wanderwunder von Albanien

Von Florian Sanktjohanser, DPA
TMN

2. Teil: Valbona hat für viele Albaner etwas Mystisches

Der Wagen rollt ins Hochtal von Valbona, das aussieht wie die Alpen vor 200 Jahren: Heuballen auf den Weiden, Bergwald und dahinter die Felszacken der 2000er. Aber keine Skilifte, keine Bars oder Clubs, keine Kasinos oder Sportgeschäfte. "Als ich 2004 hier ein Restaurant baute, lachten mich die Nachbarn aus", erzählt abends Alfred Selimaj, der Ehemann von Catherine Bohne. "Sie sagten, ich würde mein Geld verschwenden."

Selimaj war mit 18 nach London gegangen, vier Jahre hatte er in einem Lagerhaus und einer Autofabrik geschuftet. Als er in sein Heimattal zurückkehrte, war die Lage noch immer genauso trostlos. Aber Selimaj, heute 35, ließ sich nicht beirren. Er nannte sein Restaurant "Rilindja" - "Wiedergeburt". Und er behielt Recht.

An diesem Abend sind die Tische auf der Terrasse voll besetzt, die Grillen zirpen, die Forellenbecken plätschern. "Heute verdient fast jede Familie im Tal Geld mit Touristen", sagt Selimaj. Die Bauern verkaufen den Restaurants ihre Ernte, manche chauffieren Gäste mit ihren Autos, andere transportieren mit Eseln ihr Gepäck. Viele kehren nun zurück. "Sie bauen ein oder zwei Zimmer aus und vermieten sie."

Seit 2007 steht der Valbona Nationalpark in Reiseführern. Albanische TV-Teams kamen und drehten Dokus über die uralten Traditionen. Noch wichtiger war, dass die einzige Straße ins Tal geteert wurde. Seitdem hat die Zahl der Ausflügler rasant zugenommen. "Valbona hat für viele Albaner etwas Mystisches", erklärt Bohne. Lange war es unerreichbar. Nur die Partei-Bonzen durften hier in einem luxuriösen Resort Urlaub machen. Von dem Kaderhotel sind nur Ruinen geblieben. Man passiert sie, wenn man sich zum Startpunkt der Wanderung nach Theth fahren lässt - was übrigens sehr ratsam ist.

Jedes Jahr kommen mehr Touristen

Nach dem Fall des Kommunismus habe Anarchie geherrscht, sagt Selimaj, in den Wirren wurde auch das Resort zerstört. Am Ende der Straße steht das Grand Hotel der neuen Zeit, ein fünfstöckiger Klotz aus Natursteinen. Selimaj steuert seinen Geländewagen durch Schotterbänke, die der Fluss jeden Winter umgräbt. Der Wanderweg ist leicht zu finden, rot-weiße Punkte markieren ihn. Steil geht es hinauf zwischen Buchen, Kiefern und Eichen, die Sonne brennt gnadenlos herab. Irgendwann steht ein Schild am Wegesrand mit der erlösenden Aufschrift "Simoni Kafe". Vor einem selbstgezimmerten Holzpavillon mit Blätterdach läuft eiskaltes Wasser in Kübel voller Limonaden, Energy-Drinks und Bier.

"Das Schlimmste hast du geschafft", sagt Gjovalin Gjelaj und schenkt die beste Lemon Soda des Lebens ein. Heute seien schon vier Gruppen durchgekommen, im Juli und August stiegen mindestens 50 Wanderer pro Tag hinauf zum Pass. Und jedes Jahr würden es mehr. An diesem Tag ist es ruhig. Auf der Passhöhe rasten ein Deutscher und ein Italiener, die gemeinsam die Peaks of the Balkans wandern. Es sei anstrengend, sagen sie, jeden Tag müssten sie weit runter und wieder rauf steigen. Aber die Berge seien wunderschön.

Kein Ort der Welt habe je einen so abgeschiedenen und majestätischen Eindruck auf sie gemacht, schrieb die englische Schriftstellerin Edith Durham Anfang des 20. Jahrhunderts über Theth. Das "majestätisch" kann man weiter so stehen lassen, bis fast 2700 Meter ragen die Gipfel auf. Mit der Abgeschiedenheit aber ist es vorbei. Vor drei- oder vierstöckigen Neubauten parken Tour-Minibusse, auf den Schildern steht "Hotel", "Guesthouse" oder "Tourist Info Center". Leere Chipstüten und Zigarettenschachteln liegen auf dem Weg.

Info-Kasten: Valbona und Theth
Anreise
Am schnellsten ist die Anreise per Flugzeug nach Podgorica im Nachbarland Montenegro. Von dort geht es mit Bus oder Taxi nach Shkodra. Die Fahrt dauert eine Stunde. In Shkodra bieten mehrere Reisebüros Touren per Minibus und Fähre nach Valbona an.
Reisezeit
Die besten Monate zum Wandern sind Mai bis September. Im Juli und August ist es oft sehr heiß.
Unterkunft
In Valbona und Theth gibt es zahlreiche Pensionen und Hotels, die meisten haben heiße Duschen, wenige WLAN. Wer im Sommer und an Wochenenden anreist, sollte vorher reservieren.
Informationen
Botschaft der Republik Albanien, Friedrichstraße 231, 10969 Berlin (Tel.: 030/25 93 040, E-Mail: embassy.berlin@mfa.gov.al, www.albania.al, ambasadat.gov.al/germany/de, www.journeytovalbona.com).

Zumindest haben die Bewohner von Theth ihre traditionelle Architektur bewahrt. Die meisten Häuser sind aus Naturstein gemauert und mit Schindeln gedeckt. Und die Kirche, zerstört in der Zeit der atheistischen Republik, wurde mithilfe wohlhabender Albaner in der Diaspora restauriert. Auch vor der "Villa Gjeçaj" stapeln sich Ziegeln und Schieferplatten, es wird wieder an- oder ausgebaut. Im Esszimmer hängt ein Artikel der "New York Times" über Theth. Aida Gjeçaj, 33, erzählt, wie ihre Schwiegereltern vor zehn Jahren ein Bett für Gäste kauften und mit dem Erlös jedes Jahr weitere. Jetzt haben sie Angestellte, und ihr Ehemann denkt darüber nach, ein großes Hotel zu bauen. Denn der Boom geht weiter.

2006 zählte das Dorf 600 Besucher, im vergangenen Jahr waren es bereits 16.000. "Heute hat fast jede Familie im Tal eine Pension", sagt Gjeçaj. Mittlerweile sei es schwierig, Personal zu finden. Denn die Leute im Dorf wollen nicht für andere Familien arbeiten. "Die GIZ hat hier alles bezahlt", sagt Gjeçaj, "von den Schildern bis zur Renovierung der Schule". Aber sie habe auch Neid geschürt, indem sie ein paar Familien Geld gab und anderen nicht.

Vielleicht sollten die Dörfler mal wieder Sokol Nikolle Koçeku in seinem Wehrturm besuchen und sich die alten Geschichten anhören. Wenn sich die Patriarchen früher versöhnten, tranken sie das Blut des anderen. Als Blutsbrüder traten sie aus dem Turm. Sie waren nun eine Familie.

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