19.03.2020 
Was Psychoanalytiker Wolfgang Schmidbauer in Corona-Zeiten rät

Liebe in Zeiten des Hausarrests

Ein Interview von

manager-magazin.de: In vom Coronavirus betroffenen Regionen in China, etwa in der Millionen-Metropole Xian, steigen seit der Wiederöffnung der Behörden die Scheidungsanträge. Offenbar litten viele Ehepartner unter dem Druck der wochenlangen häuslichen Isolation. Kann uns das auch hier zu Lande passieren, wenn wir alle länger im Home Office bleiben müssen?

Wolfgang Schmidbauer

Wolfgang Schmidbauer: Es würde mich nicht wundern. Typischerweise werden Scheidungsanträge nach Wochenenden oder nach dem Urlaub eingereicht.

Also immer dann, wenn Paare es mal länger miteinander aushalten mussten?

Es gibt zwei Typen von Beziehungen: Die einen kommen im Urlaub besser klar. Die Ansprüche ihres Berufs dagegen machen sie nervöser und wirken als Stressfaktor auf die Partnerschaft. Die anderen finden gerade die gemeinsamen Wochenenden schwierig, weil dann die Ablenkung und Bestätigung aus der beruflichen Quelle wegfällt. Die Anerkennung aus dem Job ist ja heutzutage ein labiler Faktor, der viel schneller als in früheren Gesellschaften entzogen werden kann. Dann soll die Liebesbeziehung diesen Wegfall kompensieren und ist damit überfordert.

Im Moment sitzen also Millionen Paare am Küchentisch vor ihren Laptops, vermissen ihre Kollegen und müssen sich an einen komplett veränderten Alltag gewöhnen. Das klingt bedrohlich für das private Glück.

Und der Stress wird noch größer, wenn der Partner eine andere Angstdisposition hat als man selbst. Wenn er zum Beispiel nicht versteht, warum der andere all die Nachrichten über das Coronavirus sehr bedrohlich findet, oder sich von Wünschen der Kinder unter Druck gesetzt fühlt, die ja derzeit auch zu Hause sind. Vieles hängt im Moment davon ab, wie gut Paare kooperieren können. Gute Kooperation schweißt zusammen, schlecht kooperierende Paare sind jetzt schneller überlastet. Dann fliegen die Fetzen.

Kann man in Sachen guter Kooperation noch schnell was dazulernen?

Wichtig ist, mehr Anerkennung als Kritik zu produzieren. Bedanken Sie sich lieber einmal zu viel als zu wenig. Und kritisieren Sie nicht, bevor Sie nicht etwas Anerkennendes gesagt haben.

Und wenn sich gerade beim besten Willen kein positiver Gedanke einstellen will?

Dann geht es darum, den geordneten Rückzug anzutreten. In einen anderen Raum zu gehen oder, vielleicht subtiler, nach der Zeitung zu greifen. Es gibt so viele Möglichkeiten, sich gegenseitig in Ruhe zu lassen. Vermeiden Sie Problemdiskussionen. Jetzt ist eher der Zeitpunkt für ein Streaming-Abo, damit jeder sein eigenes Programm gucken kann.

Was, wenn man sich am anderen absolut satt gesehen hat?

Dann denken Sie ihn sich als Kollegen. Es gibt in jedem Büro jemanden, den man nicht leiden kann. Auch mit diesen Menschen geht man doch höflich um. Nach Corona ist immer noch Zeit für den Scheidungsrichter.

Kann die aktuelle Krise vielleicht auch eine Chance sein, in der man die Vorzüge des Partners erst wieder so richtig entdeckt?

Das geht nicht ohne gemeinsame Aufgabe. Ich hatte mal ein Paar in der Beratung, das träumte davon, sich endlich wieder so gut zu verstehen wie während einer Amerika-Reise, als ihr Mietwagen einen Achsbruch hatte. Das war für die beiden der beste Moment ihrer Liebe, weil sie gemeinsam ein Problem zu lösen hatten. Vielleicht reicht es in der jetzigen Situation, endlich mal gemeinsam den Keller aufzuräumen oder die Plattensammlung zu sortieren. Ich kann nicht garantieren, dass es hilft, aber man hat dann zumindest etwas Sinnvolles getan.

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KALTES Denken, WARMES Denken: Über den Gegensatz von Macht und Empathie

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Sie selbst betreiben Ihre psychoanalytische Praxis seit vielen Jahren in der eigenen Wohnung und leben seit 40 Jahren mit Ihrer Frau in einer Partnerschaft. Was ist Ihr Geheimnis?

Ach, wir sind zum Glück ganz gerne zusammen. Und eingespielt genug, uns im richtigen Moment aus dem Weg zu gehen.

Der Münchner Psychoanalytiker Wolfgang Schmidbauer ist Deutschlands bekanntester Paartherapeut und Autor etlicher Bücher. Sein aktuelles Buch "Kaltes Denken, warmes Denken: Über Macht und Empathie" ist gerade in der Edition Kursbuch erschienen.

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