01.11.2019 
Warum Läufer jetzt anders trainieren sollten

Die Meister des Sommers werden im Winter gemacht

Von Sonja von Opel
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Sonja von Opel
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    Michael Reusse
    Sonja von Opel ist Laufexpertin und Lebensläuferin. Mit einer Marathonbestzeit von 2:52h und als erfolgreiche Ultraläuferin gibt sie ihr Wissen und ihre Liebe zum Laufen in Laufcamps, Vorträgen, Büchern und vor allem als Online-Coach von über 100 Athleten pro Saison mit großer Begeisterung weiter. Als Geschäftsführerin der "Sonja von Opel Sports GmbH" bewegt sie nicht nur ihre Athleten vom Schreibtisch aus, sondern veranstaltet das ganze Jahr hindurch Laufreisen, Trainingscamps und Sportevents:

    www.opelrunningteam.com

Man muss nur die Tiere und Pflanzen beobachten, um zu verstehen, was der menschliche Organismus im Winter durchmacht. Es ist die Zeit, in der viele Prozesse sich verlangsamen und der Körper damit beschäftigt ist, sich mit möglichst geringem Energieaufwand durch die kalte Phase zu retten. Clevere Tiere futtern sich ein Polster an, kuscheln sich in einer Höhle an ihre Artgenossen und fallen in einen Energiesparmodus, aus dem sie erst so richtig mit den ersten wärmenden Sonnenstrahlen im Frühling erwachen.

Es macht auch für uns Menschen Sinn, trotz künstlicher Lichtquellen und Dauerheizsystemen dem Körper im Winter eine Regenerationspause zu gönnen. Das heißt aber nicht, dass jeglicher Sport ad acta gelegt werden sollte, im Gegenteil: Bewegung hilft, das Wachsen der winterlichen Speckpolster in Zaum zu halten und der deprimierten Psyche aufgrund reduzierter Sonneneinstrahlung Einhalt zu gebieten.

Nicht nur die Psyche leidet unter dem Lichtmangel, auch die Bildung von Vitamin D geht zurück, was spätestens im Januar, Februar im Blutbild der meisten Menschen nachzuweisen ist. Es lohnt sich also gerade im Winter so viel Sonnenlicht wie möglich zu erhaschen, um diesen Prozess aufzuhalten. Alternativ kann man Vitamin D auch sehr einfach substituieren, indem man ein Präparat gemeinsam mit Nahrungsfetten - denn Vitamin D ist wie die Vitamine E, A und K fettlöslich - täglich zu sich nimmt.

Nicht nur der Vitaminhaushalt ändert sich im Winter, auch der Stoffwechsel und die Energieversorgung laufen anders als im Sommer. Mit sinkenden Außentemperaturen ist der Körper gezwungen, mehr Arbeit zu leisten, um die Körperkerntemperatur bei konstanten 36 bis 37 Grad zu halten. Das erhöht zwar den Grundumsatz und daraus folgt der Schluss, dass man mehr Energie im Winter verbrennt, als im Sommer. Allerdings ist es nachweislich so, dass wir Menschen uns im Winter nicht nur weniger bewegen als in der hellen Jahreszeit, wir greifen auch automatisch zu kalorienreicher Kost, um den Mehrverbrauch an Energie auszugleichen.

Kein Wunder, dass es daher Tradition ist, sich gerade in der Weihnachtszeit mit Plätzchen, Stollen & Co. zu verwöhnen. Über Jahrhunderte haben die Menschen im Winter auf möglichst energiereiche Konserven zurückgegriffen. Die Spekulatius von heute waren früher vor allem Nüsse, die viel Energie zum Überwintern liefern. Das Dilemma der Neuzeit liegt darin, dass wir trotz genetisch programmiertem Winterrhythmus ganzjährig Zugang zu allen möglichen Speisen haben.

Die wenigsten von uns leiden in der kalten Jahreszeit Hunger und sind daher gerade nicht darauf angewiesen, die körpereigenen Fettdepots anzugreifen. Viele Menschen kommen daher mit ein paar Kilos mehr aus dem Winter heraus, als sie am Ende des Sommers hatten. Wer versteht, dass der Stoffwechsel sich im Winter verlangsamt und mit moderatem Sport und gesunder Ernährung dagegen arbeitet, der wird keinerlei gesundheitliche Einbußen erleiden. Ein paar Kilogramm Gewichtszunahme im Winter sind allerdings nicht nur normal, sondern sind auch ein Zeichen eines gut funktionierenden Organismus. Man sollte es nur nicht aus dem Ruder laufen lassen.

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