19.11.2018 
Schweres mit Leichtigkeit meistern

Was wir von Extremsportlern lernen können

Von Michele Ufer

5. Teil: Harald Philipp: Der Mountainbike-Abenteurer über den perfekten Trail

Wie jeder Mountainbiker bin ich auf der Suche. Der perfekte Trail ist natürlich ein Mythos, denn er lässt sich nicht finden. Bei der zweiten Fahrt fehlt ihm bereits der Zauber - denn er wurde schon entdeckt. Die Freude liegt im Suchen und Entdecken. Das Finden und Ankommen ist immer nur eine Zwischenstation vor dem nächsten Abenteuer. Mountainbiken ist dabei so herrlich vielseitig, denn wir erfahren nicht nur Natur, wir befahren genauso viel Kultur!

Während man beim Klettern direkt am Fels und beim Skifahren im frischen Pulverschnee aufgeht, rollen wir Mountainbiker auf Wegen. Wege sind Zivilisation. Sie sind Einschnitte in die Natur, nicht die Natur selbst. Auf unseren Touren befahren wir Jägersteige, Wanderwege, Schmugglerrouten oder Schützengräben. Europa ist überzogen von einem engmaschigen Netz aus hinterlassenen Spuren von Handel, Tourismus und Krieg. Bike-Touren können kleine Lektionen sein: ein erfahrungsorientierter Unterricht in Geschichte und Geografie. Den Klassenraum teilen wir uns mit Wanderern und anderen Natursportlern.

Insbesondere bei zügiger Fahrt bekommen wir von der Landschaft zwar weniger mit als ein Fußgänger, aber vom Weg lernen wir mehr. Denn wir sind nicht nur auf den Wegen unterwegs, wir interpretieren sie neu. Der kleine Sprung hier, die erhöhte Kurve dort und der herrliche Rhythmus von Kehre zu Kehre - all das hat wahrscheinlich nicht einmal der Erbauer des Weges so gesehen wie wir. In den letzten 15 Jahren auf dem Mountainbike habe ich viele Trails gefunden, aber vor allem meine Suchkriterien verfeinert. Ich stehe auf Berge, und ich mag Sonne, Südhänge sind meine Freunde. Karstgestein ist ekelig, Schiefer und Schotter gefallen mir gut. Frühmorgens und spätabends sind die Trails einsamer und das Licht schöner. Esel und Maultiere bewegen sich offenbar ähnlich wie Mountainbiker, denn ihre Pfade eignen sich hervorragend für uns.

Video: Mountainbiken wie ein CEO

Nicht zuletzt fügt sich ein kulturell gewachsener Weg besser in die Struktur des Geländes als Baggerschneisen in Skigebieten. Meist werde ich dort fündig, wo Menschen mal waren, aber jetzt nicht mehr sind. An Orten, an denen die Zeit stehengeblieben ist und nur noch der Moment zählt. In meinem Flow-Kanal bin ich zum Glück und leider niemals da, wo ich gestern war. Mit jedem kleinen Lernschritt verschiebt sich mein Können und damit auch meine Motivation, die eine, die richtige Herausforderung zu finden. Viele Wege gewinnen für mich an Spannung, wenn ich die Bremsen einen Moment länger offen lasse - andere werden einfach langweilig. Dafür reizen mich dann neue Trails, deren Befahrung ich zuvor für unmöglich gehalten hatte. Ein Spiel, das ich einige Jahre lang betrieben habe.

Doch jetzt stehe ich mit meinem Rad auf dem Bocchette-Klettersteig und fürchte mich vor meiner eigenen Courage. Unter meinem rechten Bremshebel erahne ich den Talboden - 700 Höhenmeter unter mir. Einen Fehler mache ich hier nur einmal und besser nie. Meine Höhenangst habe ich gut im Griff, doch das Schwindelgefühl lässt sich nicht völlig ausblenden. Blick nach vorn. Ich weiß, dass ich diesen Weg fahren kann. Und ich will ihn so sehr fahren, wie ich selten etwas gewollt habe. Er zieht mich an. Ein Jahr lang habe ich auf diesen Moment gewartet, doch plötzlich erscheint mir mein Vorhaben schrecklich dumm und reichlich naiv. Nach oben hin wird es in meinem Flow-Kanal ziemlich eng.

Sobald mein Bike losrollt, fühlt es sich besser an. Zuvor sah ich in meinen Gedanken einen Radfahrer am Abgrund, jetzt sehe ich nur noch einen fahrbaren Weg vor mir. Ich heize den Pfad trotzdem nicht so schnell entlang, als würde er sich durch einen Wald schlängeln. Obwohl ich in völliger Fokussierung den Abgrund nicht wahrnehme, spüre ich sehr wohl, dass er da ist. Ich freue mich. Meine Höhenangst hat mich nicht blockiert, ich besiege sie mit jedem gefahrenen Meter ein bisschen mehr. Der Weg wird schwieriger, und eine fiese Spitzkehre versperrt mir die Weiterfahrt. Fies, aber machbar, das weiß ich. Aber ich tue es nicht. Plötzlich sehe ich wieder den Radfahrer am Abgrund. Absteigen erfordert hier viel Mut - vor der Linse von Fotograf und Filmdrohne. Die größte Überwindung des Tages sind diese Wegmeter, auf denen ich mein Rad trage. Auf sie bin ich stolz.

Wie kann man sich den Bocchette-Trip genau vorstellen?

Buchtipp

Michele Ufer
Limit Skills:
Die eigenen Grenzen respektieren, testen, überwinden

Delius Klasing; 160 Seiten; 24,90 Euro

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Den Aufstieg wandert man gemütlich mit den zusätzlichen 13 Kilogramm auf dem Buckel hoch, und daher dauert es länger als die Abfahrt. Wenn die Abfahrt anfängt, dann steigt auch die Spannung. Meistens entscheide ich dann relativ spontan, wo ich entlang fahre. Was bedeutet für dich eigentlich Grenze? Grenze ist nichts Fixiertes. Das hat was mit Komfortzone zu tun, die bei jedem unterschiedlich groß ist. Irgendwo gibt es so einen äußeren Rand, an dem man sagt, da ist jetzt gerade das Limit. Heute willst du nicht weiter gehen. Grenze sehe ich nicht als Mauer. Das klingt gleich so statisch. Es ist für mich viel mehr wie eine Seifenblase. Das ist viel wabbeliger und indirekter. Und genau diesen hauchdünnen Rand zu berühren, das finde ich geil.

Und warum ist Grenzerfahrung wertvoll?

Ich glaube, genau dort erlebst du den Flow. Wenn du genau dahin gehst, wo die Komfortzone gerade nicht mehr ist, aber die Angst auch noch nicht angefangen hat. Genau da muss man sich auf die Tätigkeit fokussieren, und gleichzeitig wird sie dann auch leichter. Weil man nichts anderes tut, nichts anderes im Kopf hat. Und in diesen Momenten spielt nichts mehr eine Rolle außer dem, was man gerade tut. Wenn man die ganze Zeit nur in der Komfortzone bleibt, dann ist man einerseits nicht voll bei der Sache, andererseits wird diese Blase auch zunehmend kleiner. Je öfter man an diese Ränder geht, wachsen diese auch. Mit jeder Grenzerfahrung gewinnt man ein kleines Stück Freiheit. Wenn man hingegen eine Grenzerfahrung hatte, einmal zu weit ging, dann rammt man durch diese Blase hindurch und es macht "peng"! Dann ist diese Blase weg.

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