19.11.2018 
Schweres mit Leichtigkeit meistern

Was wir von Extremsportlern lernen können

Von Michele Ufer

4. Teil: Das Lernen mit allen Sinnen auskosten

Die Resultate ergaben sich als Nebenprodukt von einem ganz anderen Fokus: während meiner Wettkämpfe in den Flow-Zustand zu kommen. Das Lernen sowie das Wettkampferlebnis mit allen Sinnen auszukosten, das war mein oberstes Ziel. Ich lernte bei jedem Wettbewerb dazu, jeder Start war eine wertvolle Gelegenheit, mein Können auszubauen und Flow zu erleben. Ich hatte endlich meinen Rhythmus gefunden, und am Ende der Saison war ich Weltmeisterin. Für mich fühlt sich das heute wie ein wertvoller Schatz an, den ich erleben durfte. Mein Leben ist nicht durch den Titel, sondern durch den ganzen Weg dorthin um ein Vielfaches reicher geworden. Ich bin vor allem sehr stolz darauf, dass ich nie aufgegeben habe. Obwohl mein Kopf immer wieder zweifelte, spürte ich tief im Inneren, wozu ich fähig bin. Mein Herz hat es immer gewusst, und ich hatte den Mut, meinem Herzen zu folgen.

Wenn ich nun zurückblicke, bin ich auch für die Tiefpunkte dankbar. An diesen Herausforderungen bin ich am meisten gewachsen. Jeder einzelner Rückschlag war ein wichtiger Baustein in meiner Entwicklung.

Du bist 2006 beim Fotoshooting selbst in eine Lawine geraten. Wie kam es dazu?

Die Schneedecke war für unser Fotoshooting nicht geeignet. Es sah nicht gut aus, und ich äußerte dem Bergführer meine Bedenken. Er gab mir Recht. Aber damals hatte ich noch nicht die Reife, diese Bedenken in der Gruppe zu äußern. Niemand sonst hat etwas gesagt, für sie war das okay, und sie waren ja auch Experten. Da dachte ich, es wird schon okay sein und bin los. Ich kam in eine enorme Lawine, die alle Schneemassen mitriss und die Steine freisetzte. Ich hatte ein riesen Glück, dass ich überlebte.

Was hast du daraus mitgenommen?

Seit diesem Erlebnis habe ich mir geschworen, konsequent auf mich zu hören, aber es gelang mir nicht immer. Ich musste es immer wieder lernen. Anfangs braucht man ja auch den Input von den anderen. Später, mit mehr Erfahrung und Reife, konnte ich besser zu mir selbst stehen und auf mich hören. Da ist mir das Abgrenzen immer leichter gefallen.

Wie findest du deine perfekte Linie?

Meine schönsten Momente sind die, in denen ich ganz leicht Bammel habe, wo ich die totale Sicherheit verlasse. Anspannung brauche ich, damit ich wach und fokussiert bin. Dieses Kribbeln im Bauch. Früher war ich oft zu weit draußen, hatte die Herausforderung zu hoch gesetzt und stürzte oft. Dann war es wieder zu wenig. Eine Challenge zu finden, die einen fordert, aber nicht zu sehr, das ist es.

Wie gehst du mit Angst um?

Angst ist ganz wichtig. Viele glauben, dass man als Freerider komplett angstbefreit ist. Um Gottes Willen! Da überlebst du nicht lang! Der Körper, der Kopf und das Bauchgefühl versuchen, dir da etwas mitzuteilen.

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