19.11.2018 
Schweres mit Leichtigkeit meistern

Was wir von Extremsportlern lernen können

Von Michele Ufer

3. Teil: Fehler? Sind wertvolles Feedback

Ich saß meine Zeit mehr oder weniger ab und wartete, bis ich nach Kalifornien fliegen und fünf Wochen am Meer verbringen konnte, wo ich mein weiteres Training geplant hatte. Das Skifahren und die Berge waren schon so lange meine treibende Kraft im Leben, aber nun stellte ich alles infrage. Hätte ich die Gefahr erkennen können, die Matilda und Estelle zum Verhängnis geworden ist? Möchte ich dieses Risiko weiterhin eingehen? Bin ich bereit, mein Leben für das Freeriden aufzugeben? Was ist mir wirklich wichtig im Leben?

Die Zeit am Meer wirkte heilend für mich, ich brauchte Abstand von den Bergen. Ich war so oft wie möglich Wellenreiten. Zum Surfen hatte ich einen spielerischen Zugang. Ich war einfach glücklich, im Ozean zu sein und machte mir keinen Druck, etwas Besonderes können oder leisten zu müssen. Ohne Druck und mit viel Spaß machte ich rasche Fortschritte, und ich war glücklich. Genau diese Stimmung brauche ich für mein Skifahren, dachte ich mir. Skifahren macht mich glücklich und liegt mir sehr am Herzen, aber es war auch mit einer gewissen Schwere und das Gefühl, immer Leistung erbringen zu müssen, behaftet. Mein Ego hatte ein klares Selbstbild von Lorraine als Skifahrerin aufgebaut, dem es zu entsprechen galt.

Die Freiheit und Leichtigkeit, die ich in dieser Zeit in Kalifornien beim Surfen erfuhr, wollte ich auf mein Skifahren übertragen. Ich fing an, mich verstärkt auf den Lernprozess zu konzentrieren und viel weniger auf die Resultate. Solange ich mich weiterentwickele, ist alles gut. Fehler sind nicht als Rückschläge zu werten, sondern als Feedback. Ein Fehler kann als kleiner Goldklumpen mit wertvollem Feedback betrachtet werden und zeigt mir meinen nächsten Entwicklungsschritt auf. Im Prinzip definierte ich Erfolg für mich neu. Es geht nicht um Resultate, sondern um das Lernen. Damit konnte ich sehr viel anfangen. Der Druck reduzierte sich spürbar. Ich war freier, lockerer, und ich freute mich auf die bevorstehende Wettkampfsaison.

Fokus und Selbstvertrauen

Mein erster Contest-Lauf der Saison 2017 in Andorra verlief nicht nach Plan, ich kam als Vorletzte ins Ziel. Unten hatte ich mich verfahren, die obere Hälfte meiner Fahrt jedoch war sehr gut, und darauf lenkte ich nun meinen Fokus. Man darf sich auf der Tour nur sehr wenige Fehler leisten. Die Punkte der ersten drei Bewerbe entscheiden darüber, welche Athleten zum vierten Stopp nach Alaska fahren können. Da ich schon mein Streichresultat hatte, mussten nun zwei gute Fahrten her, um meinen Platz für Alaska und in weiterer Folge für das Finale sowie die FWT 2018 zu sichern. Ich schaffte es, dies alles auszublenden und mich auf mein Skifahren zu konzentrieren. Ich wollte eine flüssige Linie fahren und sämtliche Sprünge aktiv und mit Selbstvertrauen ausführen. Ich freute mich auf meine Fahrt. An diesem Tag feierte ich den zweiten Free World Tour-Sieg meiner Karriere. Mir kullerten die Tränen über die Wangen.

Mein erster Sieg lag da drei Jahre zurück, seitdem hatte ich zwei Knochenbrüche erlitten und war immer wieder auf die Prüfung gestellt worden. Trotz des holprigen Starts hatte ich gelernt, konzentriert mit Wettkampfsituationen umzugehen. Ich war überglücklich. Den Wettkampf genießen

Nun hatte ich einen Lauf und landete bei jedem weiteren Contest auf dem Podest: 1. FWT Fieberbrunn, 2. FWT Haines Alaska, 3. Xtreme Verbier. Ich war endlich angekommen. Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, die Herausforderung meistern zu können. Ich hatte meine Strategie ausgearbeitet, die ganze harte Arbeit erledigt, meinen Körper sowie mein Material optimal vorbereitet, wichtige Erfahrungen gesammelt und vor allem gelernt, mich mental zu stärken. Mein erklärtes Ziel war nicht, Weltmeisterin zu werden.

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