19.11.2018 
Schweres mit Leichtigkeit meistern

Was wir von Extremsportlern lernen können

Von Michele Ufer

2. Teil: Lorraine Huber: Im Flow zur Freeride-Weltmeisterin

Mit dem Skifahren begann ich mit zweieinhalb Jahren. Mein Vater war Skilehrer, und ich wollte natürlich auch eines Tages Skilehrerin werden. Im Winter 2001/2002 wurde ich zur ersten Frau in Österreich, die den höchsten Grad in der Skilehrer- sowie Snowboardlehrer-Ausbildung erreichte. Kurz darauf absolvierte ich im jungen Alter von 23 die Skiführerausbildung und gründete mit meinem damaligen Freund die erste Freeride-Schule in Österreich - das Freeride Center Sölden. Meine Mutter sagte uns immer, wir können alles erreichen, was wir wollen. Aber es war immer von einer erfolgreichen Karriere zum Beispiel als Architektin die Rede, und nicht von einem Leben als Skilehrerin oder Freeriderin. Ich habe lange gebraucht und viel Mut aufbringen müssen, um mich von diesen gesellschaftlichen und familiären Erwartungen lösen zu können und wirklich das zu machen, was mein Herz begehrte.

Im Jahr 2004 ermutigten mich meine Skilehrer-Kollegen, den ersten Freeride-Contest zu fahren: der Red Bull Snowthrill on Kanin in Slowenien, den ich auf Anhieb gewann. Es waren nur drei oder vier Damen am Start. Die Freeride-Bewerbe steckten noch in den Kinderschuhen, und der Freeride-Sport ist auch noch heute männerdominiert. Danach winkten die ersten Ausrüster- und Sponsoring-Verträge, und ich machte meine ersten Erfahrungen als Athletin vor der Kamera.

In den folgenden Jahren gab es neben wunderschönen Erfolgsmomenten immer wieder Rückschläge. Schwere Verletzungen haben mich wiederholt zurückgeworfen, und oft habe ich mir in wichtigen Momenten selbst im Weg gestanden, war im Wettkampf zu nervös, habe mir selbst zu viel Druck gemacht und bin mitunter zu viel Risiko eingegangen. Oft zweifelte ich an mir. Eine komplexe Herausforderung Ein Freeride-Contest ist etwas anderes, als ein bisschen "abseits der Piste fahren". Die Starter dürfen die Bergflanke eines Wettkampfes 30 Tage vor dem Event nicht befahren bzw. zuvor noch nie gesehen haben. Sie besichtigen den Hang von gegenüber und suchen sich ihre "Line" meist mithilfe eines Fernglases.

Wenn der Tod mitfährt

Die Line soll so spektakulär, flüssig und kreativ wie möglich sein, und sie soll das vorhandene Gelände optimal nutzen. Eine gute Line beinhaltet mindestens drei bis vier Luftsprünge über natürliche Hindernisse und soll vom Start bis ins Ziel Spannung aufbauen. Man muss gut visualisieren können. Athleten müssen vor ihrem geistigen Auge die ausgesuchte Linie sowie das umliegende Gelände umdrehen, es aus der Fahrerperspektive visualisieren und einprägen können.

Fehler ziehen oft ernsthafte Konsequenzen nach sich. Ich brauchte etliche Jahre, um in diesem Bereich ein gutes Level zu erreichen. Vor allem in den frühen Contest-Jahren verlor ich öfter meine Orientierung oder fuhr an meinen Sprüngen vorbei, da ich sie von oben nicht rechtzeitig erkennen konnte. Einmal sprang ich an einem falschen Punkt ab und landete mit voller Wucht auf einer Steinplatte. Ja, Freeriden ist im Vergleich zu Tennis oder Fußball ein äußerst gefährlicher Sport.

Zwei tödliche Lawinenunfälle erschütterten die Freeride-Szene im Jahr 2016. Zunächst verstarb Estelle Balet, die amtierende Snowboard-Weltmeisterin, bei Dreharbeiten im Unterwallis in einer Lawine. Wenige Monate später verstarb die Profi-Freeriderin Matilda Rapaport in Chile, ebenfalls bei Dreharbeiten. Matilda zählte zu meinen guten Ski-Freundinnen. Ich konnte es kaum fassen, dass nun auch Matilda ihr Leben verloren hatte, und zwar genau bei der Tätigkeit, die auch zu meinem Ski-Alltag gehört. Ich war zutiefst betroffen, fand keine Freude mehr beim Skifahren und wollte keine größeren Touren im Gelände unternehmen.

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