16.11.2018 
Wie Vernetzung uns vergiftet

Das Privileg, offline zu sein

Von Tobias Hürter, "Hohe Luft"
REUTERS

5. Teil: Aber wo liegt sie, die goldene Mitte?

Wo liegt diese goldene Mitte? Mit dieser Frage beschäftigt sich David M. Levy, Professor an der Information School der University of Washington, bereits seit Jahrzehnten. In den frühen 1990ern arbeitete er am legendären Forschungszentrum von Xerox in Palo Alto, einer Keimzelle des Silicon Valley. Es war die Zeit, in der E-Mail und Handy erst begannen, sich als Kommunikationswerkzeuge zu verbreiten, und schon damals fragte Levy sich, wie man mit der Informationsüberflutung gut umgehen könne.

Hohe Luft kompakt
Ausgabe 2/2018

Philosophie und Wirtschaft

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Er entwickelte das Konzept des "achtsamen Gebrauchs von Technologie": Wenn wir feinfühlig dafür sind, was E-Mail & Co. mit uns machen, dann finden wir auch Wege, besser mit ihnen umzugehen, so Levy. In Kursen mit Titeln wie "Information, Stille und Heiligtum", "Achtsames Arbeiten und Technologie" und "Keine Zeit für Denken" erprobte er zum Beispiel die "E-Mail-Beobachtungsübung", bei der die Teilnehmer auf ihre eigenen Reaktionen achten sollen, wenn eine neue Mail in der Inbox landet. Wie verändern sich mein Atemrhythmus, meine Körperhaltung, meine Aufmerksamkeit? Welche Emotionen werden in mir wach? "Meine Studenten begannen, die Engpässe ihrer E-Mail-Praxis zu bemerken", sagt Levy, "das führte sie direkt zu den Veränderungen, die sie machen konnten." Vor ein paar Jahren hat Levy seine Erkenntnisse in einem Buch mit dem Titel "Mindful Tech" zusammengeschrieben.

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Doch worum geht es hier überhaupt? Warum fühlen wir uns überwältigt von all der Information? Es ist nicht allein, dass es zu viel davon gibt. Es liegt vor allem daran, dass sie uns ablenkt. In all dem Gebimmel von E-Mail, Facebook, WhatsApp und Co. bleiben wir oft nicht beim Wichtigen hängen, sondern bei jenem, was am lautesten schrillt. Das Problem dahinter erahnte schon der französische Philosoph und Enzyklopädist Denis Diderot im Jahr 1755: "Im Lauf der Jahrhunderte wird die Anzahl der Bücher immer weiter wachsen, und man kann vorhersagen, dass eine Zeit kommen wird, in der es fast so schwierig sein wird, etwas aus Büchern zu lernen als aus dem unmittelbaren Studium der Welt. Es wird fast so bequem sein, ein Stück Wahrheit in der Natur zu suchen als es in der immensen Menge gebundener Bücher ausfindig zu machen."

Information verbindet uns mit der Welt und mit anderen Menschen. Zu viel Information trennt uns von ihnen - und von uns selbst. Die Therapie besteht nicht darin, sich radikal von ihr abzuwenden, sondern darin, jene Verbindungen wiederherzustellen: die Beziehungen zu anderen, den Kontakt mit sich selbst, die Wahrnehmung der Welt. In diesem Gefüge kann aus dem fragmentierten Haufen von Informationsfetzen wieder ein sinnvolles Netz echten Wissens wachsen.

Dann kann Information für uns auch wieder die Rolle spielen, die John Stuart Mill ihr einst zuwies: als Wegweiserin zu einem glücklichen Leben. So predigt auch David M. Levy nicht die völlige Abkehr von Handy, Facebook & Co. Er empfiehlt stattdessen einen anderen Weg: den Sinn für die Wirkung der digitalen Medien auf das eigene Leben zu schärfen. Man kann sie weiterhin nutzen - aber sollte sich nicht von ihnen benutzen lassen.

"Wir können in viel größerem Ausmaß, als wir vielleicht ahnen, die Verantwortung für unser digitales Leben übernehmen. Wir haben viel mehr Möglichkeiten zur Verfügung, wie wir unsere digitalen Geräte und Apps nutzen, als wir auf den ersten Blick sehen", sagt Professor Levy. Wer lernt, auf seinen Gebrauch digitaler Medien zu achten, kann diese Wahlmöglichkeiten nutzen. Wer die digitalen Medien rundweg verteufelt, bringt sich um diese Möglichkeiten.

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