16.11.2018 
Wie Vernetzung uns vergiftet

Das Privileg, offline zu sein

Von Tobias Hürter, "Hohe Luft"
REUTERS

4. Teil: In Online-Foren wird man leicht zum Schwein

Lanier ist kein Einzelkämpfer. In den letzten Monaten hat sich eine ganze Reihe von Silicon-Valley-Abtrünnigen zu Wort gemeldet und öffentlich ihre Reue darüber bekannt, was sie da mit angerichtet haben. Lanier jedoch geht mit seiner Kritik besonders weit. Er glaubt, dass die sozialen Medien die dunklen Seiten der Menschen nähren und die guten Seiten verkümmern lassen. Er hat es an sich selbst erlebt, als er noch die Internet-Foren frequentierte.

"Ich habe schon sehr früh gemerkt, dass ich in Online-Foren dazu neige, zum Schwein zu werden", gesteht er. "Mir gefällt nicht, was das mit mir macht. Die Alternative war, immer so vorsichtig und auch falsch zu agieren, dass mir das auch nicht gefiel." Im echten Leben könne man eine Balance finden, man könne meinungsstark auftreten, ohne sich anderen gegenüber danebenzubenehmen. In der digitalen Welt ist dieser Balanceakt viel schwieriger, die stabilisierenden Mechanismen fehlen.

Wenn also die digitalen Medien allesamt Manipulationsmaschinen sind, wie kann man ihnen entgehen? Kann es die positiven Seiten sozialer Netzwerke ohne Fake News, Datensammeln, Manipulation und aggressive Werbung geben? Vielleicht schon, sagt Lanier, aber es ist ein weiter Weg. Man müsste Facebook & Co. konsequent regulieren. Bis dahin gebe es nur eine Möglichkeit, die Kontrolle über sein Leben zu behalten: ausschalten.

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Die Teilnehmer der Studie von Hardey und Atkinson haben es tatsächlich hingekriegt, und man kann sie für ihren Mut bewundern: "Meine älteste Tochter macht gerade, was sie "Facebook-Fasten" nennt", erzählt eine Frau namens Rose, "mein Sohn hat tatsächlich seine Xbox verkauft und sich dafür eine Geige zugelegt. Jetzt kann meine Familie durchatmen. Wir wollen ein wertvolles Leben führen, und ich hoffe, dass wir das jetzt tun können - und uns selbst besser kennenlernen können."

Rückkehr zur Natur, sich selbst kennenlernen - was die Ausschalter bewegt, klingt manchmal nach romantischer Verklärung. Nach der Sehnsucht nach einer längst vergangenen Welt. Kann diese Sehnsucht in Erfüllung gehen? Mariann Hardey hat ihre Zweifel. Im Zuge ihrer "Disconnected"-Studie versuchte sie es selbst einmal mit völliger Digitalmedien-Abstinenz. "Es dauerte nur 20 Minuten", erzählte sie hinterher. Mit den Geräten in ihrem Haus konnte sie nicht mal mehr Radio hören, ohne sich mit einem Social-Media-Account einzuloggen.

Die alte durch und durch analoge Welt gibt es nicht mehr, und sie war wohl auch nicht so ruhig, menschlich und gemütlich, wie sie im Rückblick erscheinen mag. Wenn wir uns heute manchmal, wie die amerikanische Soziologin Sherry Turkle sagt, "gemeinsam allein" fühlen, obwohl wir so intensiv vernetzt sind, dann waren damals viele Menschen "allein allein". Wir werden auch heute keine menschliche Geborgenheit finden, indem wir uns isolieren. "Vielleicht liegt das Glück in der Mitte", sagt Mariann Hardey: weder in einer hemmungslosen Nutzung noch in einer radikalen Abkehr, sondern in einem ausgewogenen Gebrauch der digitalen Medien.

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