16.11.2018 
Wie Vernetzung uns vergiftet

Das Privileg, offline zu sein

Von Tobias Hürter, "Hohe Luft"
REUTERS

3. Teil: Den Schalter umlegen und alles vergessen: So läuft es nicht

Bemerkenswert an Bens Beschreibung ist sein Bedürfnis, sich für seinen Rückzug zu entschuldigen. Man kann nicht einfach alles abschalten, man muss seinen Online-Freunden erklären, warum man es tut. Online-Beziehungen bringen durchaus gefühlte Verpflichtungen mit sich. Den Schalter umlegen und alles vergessen: So läuft es nicht. Einige der Verbindlichkeiten des analogen Lebens gehen also über ins digitale, aber nicht alle. Ein Facebook-Freund, der unsere Urlaubsbilder sieht, leiht uns nicht ohne Weiteres Geld oder hilft uns beim Umzug.

Eine der größten Sorgen der Teilnehmer war der Schutz ihrer persönlichen Sphäre: dass das, was sonst unter Freunden oder in der Familie bleibt, in der ganzen Welt zu lesen ist. Es dämmerte ihnen, dass Facebook nur äußerlich eine soziale Plattform ist, das Geschäftsmodell jedoch auf der Vermarktung persönlicher Daten beruht. Sie sahen, dass Facebook kein Ort ist, an dem man auf sichere Weise persönlich miteinander sein kann. "Bei allen Teilnehmern löste diese Einsicht ein Gefühl von Desillusionierung aus", sagt Hardey, "einen Vertrauensverlust gegenüber diesen Webseiten." Der Cambridge-Analytica-Skandal, der erst nach dem Ende der Studie aufgedeckt wurde, dürfte diese Sorge nicht gelindert haben.

So ohne Weiteres kann man sich dem Sog der digitalen Welt nicht entziehen. Wenn alle anderen auf WhatsApp sind, ist es nicht zu vermeiden, dass man manchmal etwas verpasst. Besonders in Zeiten großer Ereignisse in der Familie oder im Freundeskreis wurde die Abstinenz der Ausgeklinkten auf die Probe gestellt, etwa bei runden Geburtstagen oder Hochzeiten, die oft in eigenen WhatsApp-Gruppen oder in Facebook-Veranstaltungen verhandelt werden. Auch den digitalen Abstinenzlern blieb nichts anderes übrig, als sich vorübergehend wieder zu vernetzen - und sei es nur, um zu erklären, warum sie sich nicht beteiligen. Ausklinken ist mühsam, ausgeklinkt bleiben manchmal auch.

Hohe Luft kompakt
Ausgabe 2/2018

Philosophie und Wirtschaft

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Der amerikanische Informatiker und Künstler Jaron Lanier ist ein Internet-Guru der ersten Stunde und lässt sich seine Funktion als Berater von Microsoft gut bezahlen. Inzwischen aber kritisiert er die digitale Ökonomie vehement. 2014 erhielt er den Friedenspreis des deutschen Buchhandels. Sein jüngstes Werk heißt: "Zehn Gründe, warum du deine Social Media Accounts sofort löschen musst". Die Netzwerke seien so irreparabel schädlich für uns, so Lanier, dass es nur einen Weg gebe: raus da!

Die Tragik dieser Entwicklung liegt ihm zufolge auch darin, dass die hohen Ideale der frühen Internet-Aktivisten sich ins Gegenteil verkehrten: Sie glaubten an ein freies, faires, selbstreguliertes Netz, in dem alles kostenlos sein müsse. Aber irgendwo muss das Geld ja herkommen. So kommt es, dass sich Dienstleister wie Google und Facebook durch Werbung finanzieren: "Die Idee ist, dass man Daten von Menschen sammelt und mittels Algorithmen misst, wie sie auf verschiedene Reize reagieren, welche Posts sie sich anschauen, welche Nachrichten sie lesen. Dann baut man ein Modell der Person, das mit der Zeit immer besser wird, und das ihre Reaktionen vorhersagen kann. Dann kann man sie auf vorhersagbare Weise manipulieren. Diese Fähigkeit zur Manipulation wird dann den wahren Kunden gegen Geld zur Verfügung gestellt", sagt Lanier.

Viele dieser Kunden sind nicht unbedingt schlecht, es sind Zeitungen, Autohersteller oder Blumenhändler. "Aber es gibt auch schlechte Akteure", so Lanier, "ein großer Teil der Energie in diesem System kommt von gefälschten Profilen, gefälschten Nachrichten, gefälschten Followern." Die Vorgänge während des amerikanischen Präsidentschaftswahlkampfs 2016 zeigten das Prinzip. Vor lauter falschen Aktivisten fanden viele echte kein Gehör mehr.

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