26.02.2019 
Verkehrsexperte Hermann Knoflacher

"Der Autofahrer ist absolut asozial"

Von Ronja Mößbauer, "My Bike"
Gentletent

2. Teil: "Das Geld der Steuerzahler wird in die Taschen der Konzerne umgelagert"

In den meisten Städten ist der Verkehr völlig anders organisiert. Was muss sich ändern?

Wir müssen passende Strukturen schaffen. Denn: Wenn es angenehm ist, nur zu Fuß zu gehen, dann geht man zu Fuß; wenn es angenehmer ist, Rad zu fahren und zu Fuß zu gehen, dann fährt man Rad und geht zu Fuß; wenn es am angenehmsten ist, mit dem öffentlichen Verkehr, dem Rad und als Fußgänger unterwegs zu sein, dann entsteht der sogenannte Umweltverbund aus Fahrrad-, Fußgänger- und öffentlichem Verkehr.

Welche Fortbewegungsart hat Vorrang?

Das Gehen erhält oberste Priorität, das Rad mit seinen 12 bis 13 km/h Reisegeschwindigkeit steht an zweiter Stelle. Für höhere Geschwindigkeiten gibt es den öffentlichen Verkehr. Aber meistens brauchen wir keine höheren Geschwindigkeiten.

Aber hohe Geschwindigkeiten ersparen uns doch Zeit?

Leider nein. Wenn die Geschwindigkeiten steigen, werden nur die Wege länger, doch die investierte Zeit bleibt gleich. Ein Beispiel: Wir fahren weite Wege, um dieselben Dinge einzukaufen, die es auch im kleinen Laden um die Ecke gibt. Das Problem an der Sache ist: Hohe Geschwindigkeiten zerstören kleine Strukturen. Gibt es keine Geschäfte mehr in der Nähe, muss man weiter fahren. Auf diese Weise verändert das Auto die Wirtschaftsstruktur, die Stadtstruktur und soziale Beziehungen. Diese weitreichende Wirkung hat man in der Verkehrsplanung und -politik aber nicht begriffen.

Welches wären aus Ihrer Sicht die wichtigsten verkehrsplanerischen Maßnahmen?

Die Änderung der Bauordnung, der Finanzordnung und der Lehre. Das Auto muss aus den Städten entfernt und am Rand abgestellt werden. Der Autofahrer muss für seine Kosten selbst aufkommen, was in den Städten Parkgebühren von 300 Euro und mehr pro Monat ausmacht. Wohnen, Arbeiten, Einkauf und alle übrigen Aktivitäten der Menschen sollten vom Zwang zum Autofahren befreit werden. Dazu müssen die Autoabstellplätze aus den Wohnsiedlungen ausgelagert werden. In den Siedlungen gibt es dann nur noch Autos für Liefer- und besondere Einsatzfahrten mit moderater Geschwindigkeit.

An manchen Orten gibt es viel beachtete Versuche mit kostenlosem öffentlichem Verkehr. Eine gute Lösung?

Das sind trickreiche Versuche, um weiterhin das Auto zu subventionieren. Man sollte nicht den öffentlichen Verkehr kostenlos anbieten, sondern jeder Verkehrsträger sollte die Kosten tragen, die er verursacht. Kaum jemand würde dann noch mit dem eigenen Pkw fahren.

Welche Kosten sollten demnach Autofahrer tragen?

Autofahrer nutzen kostenlos öffentliche Flächen in einem riesigen Ausmaß. Sie dürfen schnell fahren und ihr Fahrzeug an vielen Orten kostenlos abstellen. Das Auto erhält eine Menge an Subventionen, die es sehr attraktiv erscheinen lassen. Jeder Autofahrer erhält einige Hundert Euro im Monat geschenkt allein dadurch, dass man ihm Kosten des Autos nicht anlastet. Wer würde das ablehnen? Dazu kommt: Die Gewinne der Automobilindustrie sind die Defizite des Staates, zum Beispiel im öffentlichen Verkehr und im Sozialsystem. Das Geld der Steuerzahler wird in die Taschen der Konzerne umgelagert.

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