26.06.2017 
Plädoyer für einen kritischeren Umgang mit Kritik

Lassen Sie es auch mal gut sein!

Von Rebekka Reinhard, "Hohe Luft"

Der Kritiker kritisiert etwas zu Kritisierendes, doch wer kritisiert den Kritiker, und wozu soll das Ganze überhaupt gut sein? Ein Plädoyer für einen kritischeren Umgang mit Kritik.

Hohe Luft
Ausgabe 5/2018

Philosophie und Wirtschaft

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Sie kommt von Feuilletonisten, Politikern und Twitterern. Und von Horst Seehofer. Von Philosophen sowieso: die Kritik. Kritik ist überall. Sie bohrt ihren Stachel ins neoliberale oder weltpolitische System, infiltriert Institutionen und mischt Intimbeziehungen auf. Nicht mal im Schlafzimmer ist man vor ihr sicher. Wo Kritik ist, sind Krisen nicht weit. Wirtschaftskrisen, Ehekrisen, Sinnkrisen. Die Kritik verbietet der Krise, selbstständig vor sich hin zu wirken, indem sie sie frühzeitigst diagnostiziert, reflektiert, analysiert.

"Kritik" stammt vom griechischen Verb krino ab, das "trennen, auseinander setzen oder stellen" bedeutet. Wer kritisiert, zielt also darauf, Dinge oder Sachverhalte zu einem bestimmten Zweck voneinander zu unterscheiden. Theoretisch. Praktisch ist die kritische Leistung oft nur sehr schwer zu durchschauen. Erst recht im deutschen Hochfeuilleton.

"Die Leute stopfen sich Bratwürste in die Backen, überall spritzt Fett", schreibt dort die Wiener Autorin Stefanie Sargnagel. "Ich trinke drei Gläser Sekt und esse sieben Brötchen. Betäubt besteige ich den Hügel." In ihrem "Zeit"- Bericht über die Bayreuther Festspiele ist viel vom Essen die Rede und wenig von der Qualität musikalischer Leistungen.

Was will die Kritikerin sagen? Vielleicht: "Die Opernwelt ist in der Krise, mehr noch, dem Untergang geweiht. Sie ist blöd - finde ich. Weshalb Sarkasmus für mich das Mittel der Wahl ist." Der Sargnagel-Fan mag das lustig finden. Aber ist lustig schon gleich kritisch? Für Immanuel Kant (1724-1804) war Kritik einst ein deskriptives Unternehmen, welches sich der eigenen (Erkenntnis-) Grenzen bewusst ist. Der moderne Mensch hat daraus ein Spiel einseitiger und/oder wechselseitiger Bewertungen gemacht, das in der Immanenz der jeweiligen Filterblase verharrt.

Kritik in der Arbeitswelt
Kritische Mitarbeiter-Evaluationen gab es schon im China des 3. Jahrhunderts. Im 18. Jahrhundert wurden die Leistungen von Angestellten einer schottischen Baumwollspinnerei mittels farbiger Holzklötze bewertet, die man über dem jeweiligen Arbeitsplatz aufhängte. In modernen Unternehmen sind kritische Leistungsbeurteilungen und Erfolgskontrollen ("Feedback") fester Bestandteil der Mitarbeiterführung.

Allerdings sehen Konzerne wie Microsoft oder Gap die eigene Feedback-Kultur zunehmend kritisch. Der global operierende Dienstleister Accenture hat die jährliche Mitarbeiter- Evaluation 2015 aufgrund hoher finanzieller Kosten und der vielfach demotivierenden Wirkung inzwischen ganz abgeschafft. Die wohl bis heute häufigste Form empathischer Kritik in der Arbeitswelt ist das sogenannte Feedback- Sandwich (Lob - Kritik - Lob).

Eben dies verbindet den Sargnagel'schen Befindlichkeitsdiskurs mit den Kettensätzen des "FAZ"-Journalisten Dietmar Dath: "[Derek] Parfit konnte besser schreiben als andere Moralisten - allein der glanzvolle Abschnitt in ›Reasons and Persons‹, der wissen will, ob es wirklich, wie ein naivabsolutistischer Rationalitätsbegriff wähnt, unter allen Umständen irrational sei, sich weniger um die fernere und mehr um die näher liegende Zukunft zu sorgen, liest sich in Zeiten, in denen Menschen guten Willens an der Aufgabe verzweifeln, Donald Trump ihre Klimasorgen mit der Aufforderung ›Denken Sie doch mal an übermorgen!‹ begreiflich zu machen, so brandaktuell wie provokant."

Wie bitte?! Ist die Kritik etwa selbst in der Krise? Hat sie den entscheidenden "Wendepunkt" (krisis) erreicht, von dem an es mit ihr nur noch bergauf oder bergab gehen kann? Die Kritik gibt es sowieso nicht. Sie hat - wie die Philosophie - viele Gestalten und Ausprägungen.

Kritik ist wichtig. Sie sorgt für intellektuelle Hygiene. Seit Sokrates ist sie Aufklärung über den Schein, seit Kant säubert sie den logischen Verstand von (Selbst-)Täuschung, Dogma und Bevormundung. Die lange Geschichte der Kritik ist auch immer eine Geschichte der Abgrenzung, Korrektur, Revision und Transformation. Aristoteles kritisierte Platon, Hegel Kant und Marx Hegel. Seit jeher dient Kritik dazu, sich der eigenen Position, eigener Erkenntnisse und Geltungsansprüche zu vergewissern.

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