18.08.2015 
US-Kunstfestival Burning Man

Die Wüste soll brennen

Von Marc Pitzke, Spiegel ONline
NK Guy/ TASCHEN

Zehntausende treffen sich jeden Sommer in der Wüste Nevadas zum Festival Burning Man. Der Fotograf NK Guy dokumentiert das Treiben seit 16 Jahren. Jetzt erscheinen seine spektakulären Aufnahmen als Bildband.

Sein erstes Mal war "sinnlicher Overkill". Wie so viele Novizen kam auch der kanadische Fotograf NK Guy erst mal ziemlich ahnungslos in der Wüste Nevadas an. Eine Zweitagesreise hatte er hinter sich, 1200 Kilometer im Mietwagen, von der Küste in eine der unwirtlichsten Gegenden der westlichen Hemisphäre: die Black Rock Desert.

September 1998: Das alljährliche US-Wüstenfestival Burning Man, ein Bacchanal aus Kunst, Klamauk und Kuriosa, hatte längst einen legendären Ruf. Für Guy aber war alles neu, und das "Chaos und die fremdartige Magie" überwältigten ihn schnell. Proviantmäßig war er zwar halbwegs gerüstet, hatte sogar zu viel Trinkwasser dabei. Doch der Ansturm auf seine Sinne traf ihn völlig unvorbereitet.

So geht es fast jedem, der sich unbedarft zum Burning Man wagt. Spektakuläre Do-it-Yourself-Monumentalkunst, schrille Kostüme, fantastische Fahrzeuge, dazwischen immer wieder Schrott - und zum Finale ein Scheiterhaufen für The Man, einen gigantischen Holzgötzen: Eine Woche in Black Rock City, einer experimentellen Karavan-Kommune in der Marslandschaft Nevadas, die ebenso schnell verschwindet, wie sie aus dem Staub wächst, kann Leben verändern.

"Doch dann wurde es etwas viel Größeres"

Auch für NK Guy, der anfangs nur seine "Dosis alternativer Subkultur" gesucht hatte. Mit Ausnahme von 2005, als er nach London umzog, hat es ihn seither jedes Jahr zum Burning Man getrieben, allen Sandstürmen und nächtlichen Regengüssen zum Trotz.

Mehr als 65.000 Fotos sind dabei zusammengekommen. Erst waren es "Touristen-Schnappschüsse", wie Guy sie lachend nennt. Schließlich aber entstand so ein immenses Archiv vorübergehender, flüchtiger, einmaliger Kunst - verewigt in seinem neuen Buch "Art of Burning Man" (Taschen Verlag).

"Was für eine Gelegenheit für einen Fotografen!", sagt Guy. "Wann kann man schon vor einer explodierenden fliegenden Untertasse stehen?" Das war 2011, als "The Man" auf einem riesigen Sockel aus Holzlatten montiert war - eine schließlich hell lodernde Schüssel.

"Ich kam für eine Party, doch dann wurde es teilweise etwas viel Größeres", schreibt im Vorwort des Bildbandes der Bildhauer David Best, ein Burning-Man-Veteran, der dort seit 15 Jahren hölzerne "Tempel" errichtet.

Aus ein paar Hundert sind mehr als 68.000 geworden

Denn Burning Man - dieses Jahr ab 30. August - ist nicht nur für Künstler. Hippies, Hacker, Punker, Rocker, Glamour-Gays, Nudisten und Party-People tummeln sich dort ebenso wie die "ergrauten Greise" (Guy), die von Anfang an dabei waren, als The Man 1986 noch zur Sonnenwende am Baker Beach im Schatten der Golden Gate Bridge brannte. Die Veteranen bilden jetzt das erfahrene Festival-Management.

Denn Management ist nötig geworden. Aus den ersten paar Hundert, die ab 1990 in die Wüste pilgerten, sind zuletzt mehr als 68.000 "Burners" geworden.

Ein logistischer Albtraum, aus dem strikte Regeln erwachsen sind, Prinzipien genannt. So muss zum Beispiel jeder seinen Müll wieder mitnehmen. Im inneren Zirkel herrscht heute ein Fahrverbot. Und es gibt eine Lotterie für Tickets, die dieses Jahr 390 Dollar pro Person kosten oder 800 Dollar im Vorverkauf. All das gehe zu Lasten des ursprünglichen Festivalgedankens, monieren manche.

Das Happening sei zur Klassengesellschaft mutiert, kritisieren einige, vereinnahmt von Silicon-Valley-Millionären, die ein paar Tage lang so täten, als seien sie von allem Materiellen befreite Geister. Kunst oder Kommerz, die uralte Frage erreichte so auch die Wüste.

Nicht zuletzt deshalb will Guy dieses Jahr mal Pause machen: "Von London aus ist es ein bisschen teuer." Aber er hat ja seine Bilder.