25.03.2019 
Boeing-Abstürze

Wie die 737 Max in die Todeszone geriet

Von Gerald Traufetter, SPIEGEL Online

Zu viel Geschwindigkeit in zu geringer Höhe: Luftfahrtexperten vermuten, den wohl entscheidenden Grund gefunden zu haben, der die beiden Flugzeuge vom Typ 737 Max verunglücken ließ.

Der Co-Pilot des Lion-Air-Flugs JT 610 flehte in den letzten Sekunden vor dem Aufprall Allah an, ein Wunder geschehen zu lassen. Während die Meeresoberfläche immer näher kam, versuchte er verzweifelt, die Nase der Boeing 737 Max wieder aufzurichten. Der Pilot links neben ihm blätterte hilflos durch das Handbuch. "Gott ist groß", das sind die letzten Worte, die vom Stimmrekorder des Flugzeugs aufgezeichnet wurden, das am 29. Oktober 2018 ins Meer vor der indonesischen Hauptstadt Jakarta stürzte.

Was die sogenannte Blackbox noch aufzeichnete, das war ein seltsames Auf und Ab der Maschine - und eine dramatische Zunahme der Geschwindigkeit auf über 700 Stundenkilometer. Genau hier, so vermuten es Luftfahrtexperten, könnte die Erklärung liegen, warum die Boeing 737 Max in Indonesien zerschellte - am Ende einer langen Kette von technischen Problemen, Überforderung von Piloten und schlechter Information des Herstellers.

Lion-Air-Absturz: "Wir müssen uns die Lage dramatisch vorstellen"

Unfallermittler suchen derzeit fieberhaft im komplexen Unfallgeschehen sowohl der Lion-Air-Maschine als auch der Anfang März verunglückten Ethiopian-Airlines-Boeing gleichen Typs nach dem Szenario, das zum Absturz führte. Gut 380 Boeing 737 Max sind derzeit am Boden, und solange nicht klar ist, was zu den beiden Crashs führte, werden sie auch nicht wieder abheben, was für den US-Flugzeugbauer ein finanzielles Desaster darstellt.

Doch möglicherweise sind die Experten einen Schritt weitergekommen, und das könnte eben an jener hohen Geschwindigkeit liegen, in dem beide Jets in den letzten Minuten geflogen sind. Das Phänomen heißt in der Luftfahrt "Blowback". Es taucht in niedrigen Höhen auf, etwa jenen 1500 Metern, in denen sich der Ethiopian-Airlines-Flieger befunden hat. Dort herrscht hoher Luftdruck, der eine fatale Wirkung auf die immer schneller werdende Maschine ausübt. "Die Motoren für das Bewegen der Steuerflächen schaffen es nicht gegen den Druck der anströmenden Luft anzukommen", erklärt Björn Fehrm, Autor der US-Luftfahrtwebseite Leeham News und ehemaliger schwedischer Kampfpilot.

Das vollständige Szenario, das zum Absturz der beiden 737 Max führte, geht laut Fehrm so: Die Maschinen hatten beide einen fehlerhaften Sensor, der den Anstellwinkel des Flugzeugs misst. Die falschen Daten führten dazu, dass sich ein Computersystem einschaltet, das eigentlich dazu da ist, das Flugzeug aus einer gefährlichen Fluglage wieder hinauszumanövrieren. Doch statt es zu retten, sorgt das sogenannte MCAS dafür, dass die Flosse des Höhenleitwerks das Flugzeug in einen Sturzflug lenkt. Dies haben beide Crews, jene in Indonesien und jene in Äthiopien, damit zu stoppen versucht, dass sie gegen die falschen Steuerbefehle des Flugautomaten ankämpften und ihrerseits die Ruder in die entgegengesetzte Richtung lenkten.

Das Ganze wirkt auf den aufgezeichneten Höhenprofilen der Maschine wie eine Art Rodeo, ein verzweifeltes Hoch und runter wie bei einer Achterbahnfahrt.

Gleichzeitig beschleunigten die Kapitäne ihre Maschinen, weil dies einen Strömungsabriss des Flugzeugs verhindern sollte. Piloten tun das beinahe instinktiv, um sich aus der hochriskanten Fluglage zu retten. Hier kommt nun das Phänomen des Blowback (zu deutsch "Rückstoß") ins Spiel, zumindest nach Leeham-Autor Fehrm. In den Flugdaten des Lion-Air-Flugs, die bereits in einem Zwischenbericht der Flugunfallbehörde Indonesiens veröffentlicht worden sind, ist dieser Geschwindigkeitsanstieg zu erkennen. Die Maschine beschleunigte auf über 550 Stundenkilometer, womit sie laut Fehrm "in die Zone des Höhenruder-Blowbacks" kommt.

Dieser Moment sei "tödlich"

Die Luft strömt in diesem Moment mit einer solchen Gewalt um die Steuerfläche am Heck der Maschine, dass die Motoren nicht mehr dagegenhalten können, um das Ruder gegen die Luftmassen zu bewegen. Das Flugzeug hat den Kampf gegen die unerbittlichen Gesetze der Physik verloren. Dieser Moment sei "tödlich", so der amerikanische Fachmann. In seinem Beitrag wirft er die Frage auf, warum nach dem Crash der Lion-Air-Boeing die Verantwortlichen keinen Hinweis an die Piloten dieses Flugzeugmusters gegeben haben, der vor einer zu großen Beschleunigung warnt. So habe sich vermutlich der Fehler der indonesischen Crew noch einmal auf fatale Weise ereignen können, eben bei jenem Absturz in Äthiopien.

Noch ist die Unfallursache nicht geklärt, und die neuen Erklärungen nur eine Theorie. Doch schon jetzt wirft das komplexe Geschehen viele Fragen nach der Verantwortung des Konzerns auf. Offensichtlich waren beide Crews mit der Situation vollkommen überfordert. Der Stress ging aus von dem fehlerhaften MCAS-Computersystem, dessen Verhalten sie deshalb nicht verstehen konnten. Ihre Reaktion, also die Beschleunigung der Maschine, wäre demnach ein Folgefehler, laut Fehrm sogar der alles entscheidende. Hier würde sich gerächt haben, dass die Piloten keine intensive Schulung für den neuen Flugzeugtypen bekommen haben, ein Verkaufsargument von Boeing den Airlines gegenüber.

Genauso verantwortungslos wäre es demnach gewesen, dass der Flugzeugbauer es noch nicht einmal für notwendig erachtet hatte, die Piloten auf die Existenz des MCAS hinzuweisen, das wegen der besonders großen neuen Triebwerke und der veränderten Aerodynamik notwendig war. Am Anfang, und das ist bereits für beide Abstürze erwiesen, stand jedoch der fehlerhafte Sensor, der überhaupt die falsche Reaktion des Flugcomputers ausgelöst hat. Hier steht eine Entscheidung der Boeing-Ingenieure im Visier der Unfallermittler und auch der US-Justiz. Demnach hat das System keine Redundanz, das heißt, es zieht nicht die Flugdaten des zweiten Sensors für seine Berechnungen heran, der ebenso den Anstellwinkel des Flugzeugs misst.

Zwischen den Messwerten dieser zwei Sensoren war eine Diskrepanz von 22 Grad, sowohl bei dem Lion-Air-Flug als auch bei dem Ethiopian-Airlines-Flug. 22 Grad, die den Unterschied ausgemacht haben zwischen Leben und Tod.

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