16.01.2019 
Globale Großanleger wenden sich von London ab

Brexit steigert Immobilien-Investments in Deutschland

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Hitzige Debatte im Londoner Parlament, historische Abstimmungsniederlage für Premierministerin Theresa May und am Mittwochabend noch ein Misstrauensvotum, das zum Ende der Amtszeit der Tory-Politikerin führen kann - der Brexit hält derzeit die Öffentlichkeit in Großbritannien sowie auf dem europäischen Festland in Atem.

Kein Wunder: Der beabsichtigte Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union (EU) dürfte politisch und wirtschaftlich so große Auswirkungen haben, wie kaum ein anderes Ereignis in Europas jüngerer Vergangenheit. Zum Beispiel an den Immobilienmärkten: Bislang gilt London als eines der attraktivsten Ziele für Immobilieninvestitionen weltweit. Großanleger aus aller Welt stecken Jahr für Jahr Milliardensummen in Bürogebäude und Wohnhäuser in der Themse-Metropole.

Allein im ersten Halbjahr 2018 waren es nach Angaben der Immobilienberatung Knight Frank 5,6 Milliarden Pfund (6,2 Milliarden Euro) und damit mehr als in jeder anderen Großstadt rund um den Globus. Auf Platz zwei folgte der Auflistung zufolge Hongkong mit einem Investitionsvolumen von fünf Milliarden Pfund.

Umfragen haben zwar ergeben, dass Investoren auch künftig, nach dem Brexit, an London als Immobilienstandort interessiert bleiben. Dies ergab beispielsweise eine Befragung von 155 institutionellen Anlegern durch Knight Frank, die im November 2018 veröffentlicht wurde. Die Umfrage zeigte aber auch, dass die Großanleger durchaus besorgt auf die Entwicklung beim Brexit schauen.


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Die Folgen dieser Besorgnis sind Experten der Unternehmensberatung Ernst & Young (EY) zufolge inzwischen bereits zu beobachten - und sie dürften künftig noch weiter zunehmen: Großinvestoren aus aller Welt befinden sich angesichts des britischen EU-Austritts laut EY auf der Suche nach Alternativen zu London als Anlagedestination - und sie werden zum Teil in Deutschland fündig.

"Es gibt einen großen Teil von internationalen Großanlegern, die bislang in London aktiv waren, Deutschland jedoch noch nicht im Fokus hatten", so Christian Schulz-Wulkow, Leiter des Immobiliensektors bei EY für Deutschland, Schweiz und Österreich. "Wir beobachten eine verstärkte Nachfrage von Seiten dieser Anleger nach deutschen Immobilien."

Es handele sich um Investoren, die sehr professionell und langfristig orientiert in den Markt gingen, sagte Schulz-Wulkow bei der Vorstellung einer Investoren-Umfrage seines Unternehmens am Mittwoch in Frankfurt am Main. Zudem seien diese Anleger an besonders großen Transaktionen von 300 Millionen Euro oder mehr interessiert. Derartige Objekte gebe es in London reichlich, so Schulz-Wulkow. In Deutschland dagegen sei das Angebot in dieser Preisklasse begrenzter.

Nach Einschätzung der Experten von EY konzentriert sich das Interesse der fraglichen Investoren nahezu ausschließlich auf die hiesigen Spitzenstandorte für Gewerbeimmobilien: Frankfurt am Main, Berlin und München.

Vor allem Frankfurt werden seit geraumer Zeit gute Chancen eingeräumt, zum Brexit-Gewinner zu werden. Schließlich befindet sich insbesondere die Finanzindustrie, die in London stark vertreten ist, gegenwärtig auf der Suche nach neuen Standorten für Personal und Geschäftsbereiche, die aus Großbritanniens Hauptstadt abgezogen werden. Deutschlands Bankensitz Nummer eins steht da bei vielen weit oben auf der Liste der Alternativen.

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