26.03.2019 
Börsenprofi Carsten Klude erklärt

Ist die Erholung an den Aktienmärkten bereits vorbei?

Von Carsten Klude

2. Teil: Auf Bewertungskennzahlen ist zu achten

Diese könnte durch ein Ende der Handelsstreitigkeiten unterstützt werden. Meistens war es jedoch die Geld- und manchmal die Fiskalpolitik, die eine konjunkturelle Trendwende eingeläutet hat. Angesichts von Nullzinsen in der Eurozone und der deutlich gestiegenen Staatsverschuldung in den USA (wie auch in anderen Ländern) ist der wirtschaftspolitische Werkzeugkasten jedoch deutlich schlechter bestückt als in der Vergangenheit. Zudem gibt es im Moment noch keine Hinweise darauf, dass beispielsweise die Notenbanken in den USA, Japan oder in der Eurozone eine deutlich expansivere Geldpolitik planen.

Während die US-amerikanische Federal Reserve, die immerhin etwas Zinssenkungspotenzial hat, gerade erst vom verbalen Autopilotmodus auf den Sinkflug umgeschaltet hat, ist es für die EZB und die Bank of Japan wesentlich schwieriger, expansive Impulse zu setzen, da ihre Zinspolitik immer noch auf der Nulllinie verharrt. Die von der Europäischen Zentralbank beschlossenen neuen Langfristtender mögen den Banken und der Stabilität des Finanzsystems zugutekommen, der Konjunktur werden sie aber nur bedingt unter die Arme greifen.

Trotz einer skeptischen Konjunktureinschätzung können Aktien dennoch eine interessante und vielversprechende Anlageklasse sein, wenn die negativen wirtschaftlichen Perspektiven bereits in ausreichendem Maße in den niedrigeren Aktienkursen enthalten sind. Von daher ist es sinnvoll auf Bewertungskennzahlen zu achten, die signalisieren, ob man als Anleger ein Schnäppchen machen kann. Traditionell stehen dabei die Unternehmensgewinne bzw. die Gewinnerwartungen im Fokus des Interesses.

Dax mit KGV von 12 derzeit auf langjährigem Durchschnitt

Der Dax weist derzeit ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von gut zwölf auf. Dieses basiert auf den Gewinnerwartungen für die kommenden 12 Monate und entspricht damit ungefähr dem Durchschnittswert der vergangenen Jahre. Deutsche Aktien scheinen somit weder besonders teuer, noch besonders billig zu sein. Einen Haken gibt es allerdings an dieser Betrachtungsweise: die Genauigkeit der Gewinnerwartungen. So kann im Moment niemand mit Sicherheit sagen, wie sich diese für die 30 Dax-Unternehmen in den nächsten beiden Jahren entwickeln werden.

Auffällig ist, dass die Gewinnerwartungen seit Sommer vergangenen Jahres kontinuierlich nach unten revidiert werden, und zwar sowohl für das abgelaufene Jahr 2018, als auch für 2019 und 2020. Das scheint zunächst dafür zu sprechen, dass die Analysten mittlerweile skeptisch genug geworden sind, sodass die Unternehmen - trotz der bestehenden politischen und ökonomischen Risiken - in der Lage sein sollten, die Gewinnerwartungen zu übertreffen.

Wäre dies der Fall, wären die Aktien nämlich optisch teurer als es tatsächlich der Fall ist, weil die im Nenner stehenden Gewinne höher und damit das KGV niedriger wäre als ausgewiesen.

Viele rechnen mit sinkenden Gewinnen

Leider ist aber genau das Gegenteil der Fall. Denn die Revisionen der Analysten betreffen bei genauerem Hinsehen in erster Linie das Jahr 2018. Die Ertragserwartungen für die Jahre 2019 und 2020 sind dagegen nur parallel nach unten verschoben worden. Dies lässt sich an den erwarteten Zuwachsraten der Unternehmensgewinne erkennen. So sind die Firmenerträge im Jahr 2018 um rund sechs Prozent gegenüber dem Vorjahr gesunken. Für die Jahre 2019 und 2020 werden hingegen seit Sommer vergangenen Jahres unverändert Zuwächse in Höhe von jeweils zehn Prozent erwartet. Dies scheint angesichts der schwierigen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen eine recht ambitionierte Vorstellung zu sein.

Von daher spricht vieles dafür, dass die Gewinnerwartungen in der nächsten Zeit weiter nach unten revidiert werden müssen - und das nicht nur für den Dax, sondern auch für viele andere Indizes. Schaut man sich den Verlauf der Gewinnrevisionsquotienten im Vergleich zur Kursentwicklung der vergangenen Monate an, so beschleicht uns ein ungutes Gefühl, da die meisten Aktienmärkte gar nicht auf die negativen Gewinnerwartungen reagiert haben.

Deutsche Aktien sind derzeit kein Schnäppchen

Geht man für den Dax von bescheideneren Gewinnsteigerungsraten von jeweils fünf Prozent in den kommenden beiden Jahren aus, sinkt die im Nenner stehende Zahl, sodass das Kurs-Gewinn-Verhältnis auf dreizehn ansteigt. Eine derartige Bewertung gab es zuletzt Anfang 2018, als die Welt aus Anlegersicht noch in Ordnung war. Anfang 2016, als unser Konjunkturzyklusmodell auf einem vergleichbar niedrigen Wert lag, war das KGV jedoch etwas niedriger, allerdings bei deutlich geringeren erwarteten Gewinnsteigerungsraten.

Im Sommer 2012 auf dem Höhepunkt der europäischen Schuldenkrise lag das Dax-KGV sogar nur bei neun. Ein wirkliches Schnäppchen sind deutsche Aktien derzeit also nicht. Von daher steht die Erholung an den Aktienmärkten auf einem schwachen Fundament solange sich die Wirtschaftsdaten nicht verbessern.

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