11.06.2019 
Investieren in Russland

Achten Sie auf die Signale aus Moskau

Ein Gastkommentar von Georg Thilenius

Ob berechtigt oder nicht, Russland sieht sich gern immer noch als politische Großmacht. Mit Blick auf die Wirtschaftskraft allerdings sieht es anders aus, ist Russland lediglich doppelt so groß wie die Schweiz und etwas kleiner als Italien einzustufen. Im Vergleich zu Deutschland bringt es kaum die Hälfte der Wirtschaftskraft und lediglich auch nur ein Zehntel der Wirtschaftskraft von Westeuropa (einschließlich England) auf die Waagschale, zeigen Zahlen des IWF von 2017.

Zur Person
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    Georg Thilenius ist geschäftsführender Gesellschafter der bankunabhängigen Vermögensverwal-tungsgesellschaft Dr. Thilenius Management GmbH in Stuttgart. Das Unternehmen unterliegt der Kontrolle der BaFin.

Früher war Russland nicht nur militärisch, sondern auch wirtschaftlich eine Großmacht. All die Atomraketen und die gigantomanischen Militärparaden auf dem Roten Platz maskieren nur den wirtschaftlichen Abstieg in die Gruppe der unteren Mittelmächte. Woher kommt der Abstieg?

Die Antwort liegt im Ölpreis: Der Export von Öl und Gas ist bei weitem der wichtigste Faktor der russischen Wirtschaft. Dessen Entwicklung aber stagniert. Dies wird klar, wenn man etwa 35 Jahre zurückgeht bis Anfang der 80er Jahre. China befreite sich damals aus dem Steinzeitkommunismus von Mao Tse Tung, der seinerzeit auch in Deutschland bemerkenswert viele Anhänger hatte.

Heute ist die Wirtschaftsleistung von China etwa achtmal so groß wie die von Russland. Die Wirtschaftskraft der USA wiederum beträgt in etwa das Zwölffache jener von Russland. Der Preis für das Hauptprodukt Russlands, nämlich Öl, notierte vor 35 Jahren - also Anfang der 80er Jahre - etwa bei 30 US-Dollar. Heute liegt der Preis bei knapp 60 Dollar, hat sich also in 35 Jahren nominal verdoppelt. Um die Inflation der vergangenen 35 Jahre bereinigt, stagniert der Preis jedoch.

Ansonsten hat Russland noch zusätzliche Exporteinnahmen aus dem schrecklichen Waffenexport, wie nahezu täglich in Syrien zu sehen ist. Die anderen Exportgüter wie Metalle und Chemie-Rohstoffe folgen ähnlichen Preisbewegungen wie das Öl. Auch für die Produkte Öl, Gas und Metalle hat sich in den letzten 35 Jahren inflationsbereinigt wenig geändert.

Ganz anders in den umliegenden Ländern: Klar ist, die Produkte der westlichen Industrieländer haben einen beachtlichen Zuwachs an Wertschöpfung erzielt: Man halte den damals neu auf den Markt gekommenen, fast revolutionären Mercedes 190 neben eine C-Klasse von heute, oder man halte ein (hellgrünes!) Telefon mit Wählscheibe der 80er Jahre neben ein Smartphone. Die russische Führung sieht sich wirtschaftlich und auch militärisch eingeklemmt zwischen dem rasanten Aufstieg Chinas im Osten und dem friedlichen, beständig wachsenden Westeuropa und den derzeit etwas weniger friedlichen USA.

Abhilfe aus eigener Kraft ist nicht in Sicht

Aus eigener Kraft ist keine Abhilfe in Sicht: Trotz vieler eigener guter Köpfe bringt Russland weder den Fleiß und die Zähigkeit der Chinesen, noch die Ingenieurskunst Westeuropas und der USA auf die Beine. Aus eigenem Antrieb ist es nicht zu schaffen. Die Wertschöpfung bei Öl und Gas lässt sich nur mit großer Anstrengung erhöhen, und die Kunden der Waffen wie Syrien, stehen auch nicht besonders gut und zahlungskräftig da.

Nun gibt es in Deutschland und in Russland weitsichtige Unternehmensführer, die hier eine hochinteressante Möglichkeit zum Nutzen beider Seiten entdecken. Die Formel lautet einfach: Hilfe bei der wirtschaftlichen Entwicklung gegen Abrüstung.

Deutschland und Russland unterhalten sehr enge Wirtschaftsbeziehungen, die trotz US-amerikanischer Störversuche auf Arbeitsebene ausgezeichnet vorankommen. Vielen russischen Wirtschaftsführern wäre ein deutsches Engagement bei der wirtschaftlichen Entwicklung hochwillkommen und man darf annehmen, dass hier einiges in Bewegung kommen wird. Denn Russland verliert durch Stagnation täglich relativ an Wirtschaftskraft, während China rasant und Westeuropa und die USA ordentlich wachsen.

Dass auch wirtschaftlich unbedeutende Länder wie Nordkorea durch Atomwaffen ein großes Störpotential entfalten können, weiß die russische Führung. Aber Nordkorea hängt am Tropf von China. Sobald China die Freude an der Unterstützung Nordkoreas verliert oder die Amerikaner ein besseres Angebot machen, ist es mit dem dortigen Steinzeitkommunismus auch sehr schnell vorbei. Und niemand in Russland will auf das wirtschaftliche Niveau von Nordkorea sinken.

Achten Sie auf die Signale aus Moskau

Anleger mit feiner Antenne sollten in der nächsten Zeit auf Signale aus Moskau hören. Noch ist tiefer Winter, aber unter der Oberfläche riecht es nach Tauwetter. Falls die wirtschaftliche Entwicklung mit Hilfe von Auslandsinvestitionen einerseits und Abbau der Rüstung, die das Land sich ohnehin nicht mehr lange wird leisten können, vorankommen sollte, wird als Konsumwert die Sberbank interessant.

Die Sberbank ist Russlands größte, staatlich kontrollierte Sparkasse. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) beträgt 5,6 für den erwarteten Gewinn dieses Jahres und die erwartete Dividende liegt bei beachtlichen 8,7 Prozent. Diese Korrelation von niedrigem KGV und hoher Dividende spiegelt die politische Unsicherheit. In den vergangenen fünf Jahren ist der Preis der Aktie um etwa 30 Prozent vorangekommen, allerdings unter großen Schwankungen.

Dies ist jetzt kein Kauf, wenn aber aus der Politik Signale einer Vereinbarung für wirtschaftliche Entwicklung gegen Abrüstung zu sehen sein werden, kann sich der Kurs sehr schnell und kräftig entwickeln.

Der Autor ist geschäftsführender Gesellschafter der bankunabhängigen Vermögensverwaltung Dr. Thilenius GmbH in Stuttgart. Das Unternehmen unterliegt der BaFin

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