04.03.2019 
Nach Tod des Gründers

Die digitalen Tresore der Kryptobörse QuadrigaCX sind leer

Von Patrick Beuth, Spiegel Online

Der Gründer der kanadischen Kryptobörse QuadrigaCX soll das Passwort für den Zugang zum Geld seiner Kunden mit ins Grab genommen haben. Nun ist klar: Das virtuelle Geld ist nicht dort, wo es sein sollte.

An dramatischen Wendungen mangelt es der Geschichte von QuadrigaCX nicht. Die Kryptobörse soll Bitcoin und andere Digitalwährungen in Höhe von umgerechnet 166 Millionen Euro für ihre Kunden verwahrt haben, als ihr 30-jähriger Gründer Gerry Cotten im Dezember 2018 auf einer Indienreise starb.

Um das virtuelle Geld vor Hackerangriffen zu schützen, hatte Cotten das meiste davon nach Angaben seiner Witwe Jennifer Robertson offline gesichert, in sogenannten Cold Wallets auf einem Laptop - und das Passwort für das Gerät und damit den Zugang zu den digitalen Tresoren mit ins Grab genommen. Damit war eine Auszahlung der Kundenguthaben nicht mehr möglich. Doch das war nur der Anfang.

QuadrigaCX steckte schon in den Monaten vor der Todesnachricht in mehreren juristischen Auseinandersetzungen mit Banken und Dienstleistern. Cottens Buchhaltung soll chaotisch gewesen sein. Auf der indischen Sterbeurkunde, die Robertson erst nach einigen Wochen vorweisen konnte, ist sein Name falsch geschrieben. Und nur zwölf Tage vor seinem Tod hatte er testamentarisch verfügt, dass Robertson seine Alleinerbin sein soll. Er hinterließ ihr mehrere Grundstücke in Kanada, ein Flugzeug und eine Yacht.

Kein Wunder, dass spekuliert wurde, der Tod sei nur vorgetäuscht und QuadrigaCX nur mit dem Ziel eines groß angelegten Betrugs gegründet.

Nun hat sich herausgestellt, dass die besagten Cold Wallets allesamt leer sind. Herausgefunden haben das die Wirtschaftsprüfer von Ernst & Young, wie "Bloomberg" berichtet. Sie wurden im Gläubigerschutzverfahren von einem kanadischen Gericht beauftragt, die Finanzen von QuadrigaCX zu durchleuchten.

"Versehentliche" Transaktionen, Accounts unter Alias-Namen

Sechs Cold Wallets hatten die Prüfer eindeutig der Kryptobörse zuordnen können, drei weitere könnten der Firma von Cotten gehört haben. Das vorläufige Ergebnis ihrer Untersuchung der ersten sechs Wallets lautet: Alle sechs sind leer. Das ergibt sich aus dem Verlauf der Transaktionen, die über Blockchain-Analysen nachzuvollziehen sind. Ein Zugriff auf den passwortgesicherten Laptop beziehungsweise die Wallets selbst ist dafür nicht nötig.

Auch die drei weiteren Wallets enthalten demnach derzeit keine Kryptowährungen. Seit April 2018 hat es in fünf der sechs eindeutig QuadrigaCX zugeordneten Cold Wallets zudem keinerlei Aktivität mehr gegeben, mit einer Ausnahme, die Robertson zuvor schon als "Versehen" angegeben hatte. Das widerspricht Robertson früheren Angaben, nach denen Cotten aus Sicherheitsgründen sehr viel mit Cold Wallets gearbeitet habe.

Vor April 2018 allerdings sind gewisse Mengen an Bitcoin aus den fünf Wallets an Konten bei anderen Kryptobörsen überwiesen worden. Wem die gehören, ist noch nicht geklärt.

In der sechsten Cold Wallet sind dem Untersuchungsbericht zufolge noch Einzahlungen aus anderen Kryptobörsen eingegangen, die aber in Quadrigas Hot Wallet übertragen wurden - vermutlich um den Betrieb aufrechtzuhalten. Die letzte Transaktion fand am 3. Dezember statt, sechs Tage vor Cottens Tod. Eine Erklärung für die seit April ausgebliebene Nutzung der Cold Wallets hat Robertson bisher nicht liefern können.

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Außerdem fanden die Prüfer heraus, dass QuadrigaCX 14 Nutzeraccounts unter verschiedenen Alias-Namen angelegt hat und darüber Transaktionen von "signifikantem Volumen" ausgeführt wurden, auch an Wallets bei anderen Kryptobörsen. Die Untersuchung von Ernst & Young ist noch längst nicht abgeschlossen, aber die bisherigen Ergebnisse werden wahrscheinlich niemanden davon überzeugen, dass bei QuadrigaCX alles mit rechten Dingen abgelaufen ist.

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