17.05.2019 
Währung als Stimmungsindikator

Was uns das Pfund über die Briten verrät

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Wer wissen will, wie die Chancen auf einen geordneten Austritt der Briten aus der EU stehen, schaut sich den Kurs des britischen Pfunds an. Es gibt kaum einen besseren Brexit-Indikator - und jeder hat einen anderen Blick darauf.

Brexit-Chaos, dieses Schlagwort ist seit Monaten häufig zu hören, wenn es um den Austritt Großbritanniens aus der EU geht. Gelingt ein geordneter Abschied, mit Vertrag und klaren Regeln? Oder endet die Mitgliedschaft der Briten im europäischen Bündnis von heute auf morgen, ohne dass das künftige Miteinander klar vereinbart wäre? Wer in der britischen Politik will eigentlich was? Und wer hat wirklich die Macht und damit auch Aussichten darauf, seine Ziele durchzusetzen?

Alle diese Fragen scheinen seit Monaten kaum zu beantworten - Brexit-Chaos eben. Wie gut, dass es angesichts dessen den Finanzmarkt gibt. Unklarheiten oder offene Fragen bereiten dort keine Probleme. Sie werden kurzerhand "eingepreist" und sind damit erledigt.

Der zentrale Indikator, in den alle Informationen (sowie Informationslücken) zum Thema Brexit einfließen, ist das britische Pfund. Auf jede kleinste Veränderung der Lage reagiert die Währung mit einer Auf- oder Abwertung, die je nach Gewicht der Ursache größer oder kleiner ausfallen kann. Dabei gilt: Steigen die Aussichten auf einen geordneten Brexit, dann steigt auch das Pfund - und umgekehrt. Denn die Finanzmärkte blicken auf das Thema in erster Linie durch die ökonomische Brille. Und unter Volkswirten, die sich bemühen, den britischen EU-Austritt objektiv zu beurteilen, gibt es bis heute kaum jemanden, der das Projekt für eine gute Idee der Briten hält. Wenn es jedoch schon zur Trennung kommen muss, so der Tenor in der Fachwelt, dann sollten doch zumindest die künftigen Verhältnisse zwischen beiden Wirtschaftsräumen klar und zum möglichst beiderseitigen Nutzen geregelt sein.

Die Indikatorfunktion des Pfundes zeigte sich besonders eindrücklich gleich zu Beginn der britischen Brexit-Reise: Unmittelbar nachdem die Briten im Juni 2016 für den Austritt gestimmt hatten, rauschte das Pfund abwärts. Investmentprofis wie der Hedgefonds-Milliardär George Soros, der seit seiner erfolgreichen Spekulation gegen das Pfund im Jahr 1992 bei diesem Thema einen beinahe legendären Ruf genießt, hatten bereits zuvor vor Kursverlusten von bis zu 20 Prozent gewarnt. Tatsächlich betrug der Wertverlust in den ersten Wochen nach dem Votum dann immerhin etwa 12 Prozent.

Ein Jahr später kam es für die Briten noch dicker: Im Sommer 2017 zeigten Konjunkturdaten immer deutlicher, dass die Aussicht auf den EU-Austritt die britische Wirtschaft bereits schwächte und sich somit im Geldbeutel jedes einzelnen Bewohners der Insel bemerkbar machen würde. Die Folge: Der Pfund-Kurs erreichte im August 2017 bei weniger als 1,10 Euro den tiefsten Stand seit der Finanzkrise von 2008.

Immerhin, von diesem Niveau ist die britische Währung aktuell mit einem Wert von 1,14 Euro noch ein Stück weit entfernt. Doch auch in diesen Tagen kennt der Pfund-Kurs schon wieder nur eine Richtung: nach unten. Seit inzwischen zehn Tagen befindet sich die Währung in einer ununterbrochenen Abwärtsbewegung gegenüber dem Euro - es ist die längste Verluststrecke seit Beginn des Jahrtausends, wie auch Bloomberg festgestellt hat. Kaum eine andere wichtige Währung weltweit performt in diesen Tagen so schlecht wie die britische.

Kein Wunder: Seit Wochen läuft Premierministerin Theresa May mit ihren Versuchen, den mit der EU ausgehandelten Austrittsvertrag durchzubringen, in London offenbar gegen eine Wand. Der ursprüngliche Brexit-Termin Ende März musste deshalb bereits bis zum Herbst verschoben werden - doch was soll sich bis dahin im Sinne eines geordneten Brexits zum Guten wenden?

Wohl kaum etwas, wie es augenblicklich scheint. Im Gegenteil: Gerade in den letzten Tage wurde der Druck auf May nochmals größer. Spekulationen um ihren Abtritt aus dem Amt machen die Runde, und ausgerechnet der kaum berechenbare Brexit-Hardliner Boris Johnson wird als nächster Premierminister gehandelt. Auch bei den Europawahlen, an denen die Briten nun aufgrund des Aufschubs nochmals teilnehmen werden, haben Umfragen zufolge die Befürworter eines bedingungslosen EU-Abschieds der Briten die Nase vorn - allen voran der von US-Präsident Donald Trump einst zum "Mr. Brexit" geadelte Nigel Farage.

Zu allem Überfluss scheiterten am Freitag auch noch die Gespräche, die May seit Kurzem mit der britischen Labour-Partei geführt hatte, und die zu einer Lösung des Dilemmas führen sollten. Auch das erhöht nochmals den Druck auf das britische Pfund.

Christoph Rottwilm auf Twitter

Für viele Briten kommt dieser erneute Kursrutsch des Pfundes vermutlich zur Unzeit. Sollte die Tendenz in den nächsten Wochen nicht überraschend drehen, dürfte die Entwicklung für sie zu erhöhten Urlaubskosten führen, sofern sie ins Ausland reisen wollen. Umgekehrt können sich diejenigen freuen, die ihre kommenden Sommerferien auf der Insel verbringen wollen - dank Brexit-Chaos können sie sich über mehr Spielraum in der Urlaubskasse freuen.

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