27.03.2019 
Zweistellige Kursgewinne

Wirecard mit Kurssprung - Konzern sieht sich entlastet

Manipulationsvorwürfe der "Financial Times" gegen einen Mitarbeiter in Singapur hatten den Dax-Konzern Wirecard in schwere Bedrängnis gebracht. Das Unternehmen verteidigte sich wütend - nichts sei an den Vorwürfen dran. Ganz so einfach ist es aber nicht, wie eine Untersuchung zeigt.

Nach den Manipulationsvorwürfen der "FT" gegen den deutschen Zahlungsdienstleister Wirecard hat eine externe Untersuchung Wirecard zwar von den Vorwürfen des "Round Tripping" und der Korruption entlastet, aber gleichzeitig einige Indizien für mögliche strafbare Verstöße einzelner Mitarbeiter im Fernen Osten gebracht.

Die von dem Unternehmen beauftragte Singapurer Kanzlei Rajah & Tann habe keine Feststellungen zu Round-Tripping - Scheinumsätze mit verschobenen Geldern - oder Korruption getroffen, teilte der Dax-Konzern am Dienstag mit. Auch hätten sich daraus keine Erkenntnisse für eine strafrechtliche Verantwortung der deutschen Konzernzentrale ergeben.

Anleger reagierten erleichtert: Die Wirecard -Aktie schoss anschließend an der Frankfurter Börse nach oben, das Papier legte innerhalb kürzester Zeit um über 25 Prozent zu, bevor es wieder leicht nach unten ging.

Wirecard war in den vergangenen Wochen an der Börse heftig unter Beschuss geraten, nachdem in der britischen "Financial Times" mehrere Berichte erschienen, in denen einem Wirecard-Mitarbeiter Kontomanipulationen und Dokumentfälschungen vorgeworfen wurden. Der Wirecard-Vorstand hatte mehrfach wütend widersprochen und von "Diffamierung" gesprochen.

Wirecard veröffentlicht Zusammenfassung - kompletter Bericht bei EY

Doch die Kanzlei geht nach dem Ende ihrer Untersuchung nun davon aus, dass bei Wirecard in Singapur tatsächlich nicht alles mit rechten Dingen zuging: "Strafrechtliche Verantwortung nach örtlichem Recht könnte in Verbindung mit den oben genannten Umständen einigen lokalen Angestellten in Singapur zugewiesen werden", hieß es in der Zusammenfassung, die Wirecard auf der Unternehmenswebseite veröffentlichte. Der komplette Bericht liegt zunächst nur den Wirtschaftsprüfern von Ernst & Young (EY) vor.

Die "oben genannten Umstände": Die Prüfer der Kanzlei haben tatsächlich Fehlzahlungen und -buchungen in Millionenhöhe gefunden. Laut Wirecard aber keine, die die Jahresbilanzen wesentlich beeinträchtigt hätten. Im Jahr 2017 wurde demnach ein Umsatz von 2,5 Millionen Euro falsch verbucht, was mit dem Jahresabschluss 2018 korrigiert werden soll.

2,5 Millionen Euro Umsatz 2017 falsch verbucht, sowie 2,3 Millionen im Januar 2018

Außerdem tauchte laut Wirecard im Januar 2018 einen Monat lang ein Betrag von 2,3 Millionen Euro in der Liste ausstehender Zahlungen einer Wirecard-Gesellschaft auf, ohne dass diese Summe formell verbucht worden wäre. Außerdem stellten die Prüfer laut dem Konzern "gewisse Zahlungen" zwischen Geschäftspartnern und Wirecard-Einheiten fest, denen keine geschäftliche Vereinbarung zugrunde lag. Und es gab Zahlungen, denen zwar tatsächliche Geschäfte zugrunde lagen, die aber bei der falschen Wirecard-Einheit verbucht wurden.

Management in Deutschland sieht sich bereits entlastet

Auch hätten sich durch die Untersuchung der beauftragten Kanzlei Rajah & Tann keine Erkenntnisse über eine strafrechtliche Verantwortung der deutschen Konzernzentrale ergeben. Einzelne Angestellte in Singapur hätten sich jedoch möglicherweise nach lokalem Recht strafbar gemacht.

Das Management in der deutschen Konzernzentrale sieht sich demnach außen vor: "Die Prüfung hat keine Feststellungen strafrechtlicher Verantwortung nach Singapurer Recht in Bezug auf das Wirecard-Hauptquartier in München/Aschheim ergeben." Die "Straits Times" - die englischsprachige Tageszeitung des südostasiatischen Inselstaats - hatte vergangene Woche berichtet, die Singapurer Staatsanwaltschaft ermittle gegen sechs Wirecard-Angestellte. Eine offizielle Bestätigung der Ermittlungsbehörde gibt es jedoch nicht.

Die Berichte der "Financial Times" hatten in den vergangenen Wochen dramatische Tagesverluste der Wirecard-Aktie an der Frankfurter Börse zur Folge gehabt, zwischenzeitlich hatte das Papier mehr als dreißig Prozent seines Werts verloren. Da derart hohe Kursausschläge bei Dax-Unternehmen unüblich sind, haben sich deswegen auch die Münchner Staatsanwaltschaft und die Finanzaufsicht Bafin eingeschaltet. Grund ist der Verdacht der Kursmanipulation durch "Short Seller". Das sind Spekulanten, die auf fallende Kurse setzen. Die Bafin hatte Leerverkäufe von Wirecard-Aktien vorübergehend verboten.

Bereits in den Vorwochen hatte Wirecard sich gegen die Vorwürfe gewehrt und betont, dass der von Vorwürfen belastete und frei gestellte Mitarbeiter für das Unternehmen erreichbar sei. Damit trat Wirecard einer Meldung der "Financial Times (FT)" entgegen, die geschrieben hatte, dass Wirecard den Kontakt zu diesem Mitarbeiter verloren hätte.

Der Besessene: So tickt Wirecard-Chef Markus Braun

Nach dem Vorwurf finanzieller Unregelmäßigkeiten in Singapur sei der betreffende Manager beurlaubt worden. "Der Mitarbeiter ist freigestellt bis zum Ende der Untersuchung. Dies ist ein völlig normaler Prozess", sagte Wirecard-Chef Markus Braun am Dienstag zu Reuters. Der Mitarbeiter sei seit einigen Wochen von seiner Arbeit entbunden. Braun bekräftigte, er rechne damit, dass die Vorwürfe bald endgültig ausgeräumt würden, so dass das Tagesgeschäft wieder im Vordergrund stehe.

Im Video: Wirecard-Chef Markus Braun im Interview

Der weltweite Boom von Online-Handel und Bezahlen per Smartphone-App befeuert seit Jahren das Wachstum von Wirecard und bescherte ihm im vergangenen Jahr den Aufstieg in den Dax. Der Betriebsgewinn soll im laufenden Jahr auf 740 bis 800 Millionen Euro steigen, nachdem er im vergangenen Jahr um 38 Prozent auf 568 Millionen Euro zugelegt hatte.

US-Kanzleien bereiten Anlegerklagen gegen Wirecard vor

Das Wachstum des Unternehmens aus dem Münchner Vorort Aschheim wurde in der Vergangenheit wiederholt von Vorwürfen unlauterer Geschäfte begleitet, die von Wirecard regelmäßig zurückgewiesen wurden. Von den heftigen Aktienkursreaktionen profitieren vor allem kurzfristige Investoren.

Auslöser der Turbulenzen waren mehrere Artikel der "Financial Times" über angebliche Bilanzfälschungen durch Mitarbeiter des IT-Konzerns in Singapur. Wirecard wies die Vorwürfe zwar bereits in der vergangenen Woche zunächst per Statement und dann in einer rasch anberaumten internationalen Telefonkonferenz entschieden zurück. Zudem geht das Unternehmen inzwischen juristisch gegen die Zeitung vor.

Auf die Vorwürfe gegen Wirecard, gegen die sich das Unternehmen ebenfalls wehrt, stützen sich mittlerweile mehrere auf Anleger-Klagen spezialisierte US-Anwaltskanzleien. Sie reichten in den USA Sammelklagen gegen Wirecard ein, um wegen der jüngsten Aktienkursverluste Schadenersatz zu erstreiten.

la/dpa

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