08.04.2019 
Börsenprofi Carsten Mumm erklärt

Wie sich die türkische Wirtschaft stabilisieren kann

Von Carsten Mumm

Wenn es um die Entwicklung in den Schwellenländern ging, äußerten sich Experten in den letzten Jahren im Allgemeinen positiv. Der Anteil der aufstrebenden Nationen an der weltwirtschaftlichen Wertschöpfung nahm stetig zu. Gleichzeitig stabilisierten sich in vielen aufstrebenden Nationen die politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Steigende Löhne führten zu einem höheren Wohlstand und einige Staaten mussten bzw. konnten die Rolle als billige Werkbank der Welt zugunsten einer stärkeren Orientierung auf den Konsum und die Binnenwirtschaft langsam abgeben. Dadurch sank die Abhängigkeit vom schwankungsanfälligen Export.

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    Carsten Mumm, Chefvolkswirt und Leiter der Kapital-marktanalyse bei der Privatbank Donner & Reuschel.

Abgesehen von diesen allgemeinen Entwicklungen gab es aber auch einzelne Staaten, in den individuelle Probleme zu deutlich negativen Entwicklungen führten. Neben Argentinien oder Venezuela war dies insbesondere die Türkei. Vor allem nach dem gescheiterten Putschversuch im Juli 2016 kam es zu einem Wechselbad der Gefühle. Politisch war die direkte Folge das Verfassungsreferendum vom April 2017, in dem für die Einführung eines Präsidialsystems mit weitgehenden Befugnissen für den türkischen Präsidenten gestimmt wurde. Mitte 2018 wurde Präsident Recep Tayyip Erdogan im Zuge vorgezogener Präsidentschafts- und Parlamentswahlen in seinem Amt bestätigt.

Die türkische Volkswirtschaft hatte nach dem Putschversuch kurzzeitig ein negatives Wirtschaftswachstum zu verzeichnen, auf das mit expansiven fiskalischen Maßnahmen reagiert wurde. Es folgte eine Phase sehr starken Wachstums bis zu einer Überhitzung Ende 2017 mit BIP-Wachstumsraten von über 10 Prozent. Die Industrieproduktion zog Mitte 2017 kurzzeitig um fast 30 Prozent im Vergleich zum Vorjahr an. Die Arbeitslosenquote fiel unter 10 Prozent.

Trotzdem wertete die türkische Lira seit 2016 immer schneller ab - gegenüber dem Euro von drei Lira je Euro in 2015 auf fünf Lira je Euro Mitte 2018 (siehe Grafik). Die Kombination aus boomender Wirtschaft und abwertender Währung im Zusammenhang mit einem seit Anfang der 2000er-Jahre deutlich ausgeweiteten Leistungsbilanzdefizit aufgrund eines dauerhaften Importüberhanges führte zu einem rasanten Anstieg der Inflation auf 25 Prozent.

Die türkische Notenbank reagierte nur zögerlich und hob den Leitzins erst Mitte 2018 von 8 auf 17,5 und in einem späteren Schritt auf 24 Prozent an. Internationale Investoren stellten daraufhin die Unabhängigkeit der türkischen Notenbank infrage. Zudem schien die Bedienung der seit 2016 erheblich angestiegenen Auslandsverschuldung immer fraglicher. Genau in dieser Phase kündigte US-Präsident Donald Trump dann auch noch erhöhte Zölle auf Stahl- und Aluminium-Importe aus der Türkei an.

Die Folge war eine weitere heftige Abwertung der türkischen Lira auf knapp acht Lira je Euro. Eine klassische Vertrauens- und Währungskrise zog die türkische Volkswirtschaft in eine Abwärtsspirale.

Was passiert angesichts der Wahlen vom März?

Nach den Kommunalwahlen Ende März stellt sich die Frage nach der weiteren Entwicklung. Der Umgang mit dem Ergebnis ist für Präsident Erdogan eine Gratwanderung. Einerseits hat er selbst vor Jahren in der Funktion als Istanbuler Oberbürgermeister mit dem Zitat "Wer Istanbul gewinnt, gewinnt die Türkei" unterstrichen, wie wichtig die politische Macht in den großen Ballungszentren ist. Es besteht also die Gefahr, dass er sukzessive an Einfluss verlieren könnte, sollte sich die Opposition in Istanbul, Ankara oder Alanya etablieren können.

Auf der anderen Seite könnte ein Nicht-Akzeptieren des Wahlergebnisses zu erneuten heftigen Unruhen führen. Für die Volkswirtschaft wäre das nach zaghaften Stabilisierungstendenzen in den letzten Monaten die schlechteste Option - zumal es aktuell auch von außenpolitischer Seite aufgrund des Streits mit den USA um den Kauf eines russischen Raketenabwehrsystems erneut Unsicherheiten gibt.

Aus Sicht der Kapitalmärkte hängen die weiteren Aussichten somit vor allem von der kurzfristigen Reaktion der politischen Führungsebene ab. Grundsätzlich besteht die Chance, nach Jahren innen- und außenpolitischer Turbulenzen in eine ruhigere Phase einzutreten. Dafür spricht, dass in der Türkei planmäßig über vier Jahre lang keine Wahlen anstehen. Klar ist aber auch, dass das Ergebnis der Kommunalwahlen keine uneingeschränkte Zustimmung der türkischen Bevölkerung für den Kurs Erdogans zeigt.

Sofern es politisch ruhig bleibt, könnte die Führung in Ankara die kommenden Jahre nutzen, um verloren gegangenes Vertrauen zurückzugewinnen. Dabei helfen würden wachstumsfördernde Strukturreformen, ein Stabilitätsprogramm, die Stabilisierung des Staatshaushaltes sowie eine Aufhebung der in 2018 aufgelegten Notfallmaßnahmen, wie das Devisenverbot und die Repatriierungspflicht, nach der Exporterlöse in die Türkei überführt werden müssen.

Die Ausgangslage ist angesichts der noch immer extrem hohen Inflation von knapp 20 Prozent, den daraus resultierenden Zinsen im hohen zweistelligen Bereich und der im Vorjahresvergleich um über 10 Prozent eingebrochenen Industrieproduktion zwar herausfordernd. Eine politische Stabilisierung böte jedoch auch die Möglichkeit einer schnellen Erholung. Der eingebrochene Konsum würde schnell wieder anziehen. Die derzeit schwache Währung würde Exporte und Tourismus ankurbeln. Eine sich langsam erholende Währungsentwicklung wiederum würde die noch immer stark importabhängige Produktion in der Türkei kostenmäßig langsam entlasten.

Im Zuge der Krise ist das Leistungsbilanzdefizit deutlich gesunken, wodurch die Abhängigkeit von Auslandsinvestitionen reduziert werden konnte. Nicht zuletzt besteht die Möglichkeit, dass internationale Investoren das Vertrauen zurückgewännen und die Chancen der türkischen Volkswirtschaft und Kapitalmärkte ausgehend von niedrigen Niveaus wieder nutzen würden. Entlastung kommt derzeit von Seiten der US-Zinspolitik. Die hohe Verschuldung in US-Dollar bedingt, dass in den kommenden Monaten mögliche Zinssenkungen zu einer Entlastung türkischer Schuldner führen würden.

Auf der anderen Seite bestehen im Falle sich fortsetzender politischer Unsicherheiten Risiken. Die im Zuge der Währungsabwertung rasant gestiegene Verschuldung privater Unternehmen würde verstärkt Umschuldungen nötig machen. Diese wiederum würden türkische Banken durch steigende notleidende Kreditvolumina und damit die volkswirtschaftliche Dynamik zusätzlich belasten. Unabhängig von der türkischen Politik wäre eine globale Wachstumsabschwächung etwa im Zuge eines eskalierenden Handelskonflikts zwischen den USA und China negativ.

Die Unsicherheit wird sich noch einige Monate halten. Insbesondere sollten Investoren abwarten, welchen Weg Präsident Erdogan nach den Kommunalwahlen und im Verhältnis mit den USA einschlägt. Die Erwartungen an das Wirtschaftswachstum sind gemäß IWF mit 0,4 Prozent für 2019 auf niedrigen Niveaus und könnten im positiven Fall leicht übertroffen werden. Andere Institute rechnen sogar mit einer Rezession im laufenden Jahr. Sollte sich ein politisch moderaterer Kurs abzeichnen, böten sich auch für Kapitalanleger attraktive Chancen.

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