15.11.2018 
Börse

Chaos in London - Dax und Dow wanken

Die Chancen, dass das britische Unterhaus dem Brexit-Abkommen zustimmt, sind erheblich gesunken. Theresa Mays Regierung zerfällt. Der Dax schließt im Minus, das britische Pfund fällt so stark wie seit 18 Monaten nicht mehr.

Rückschlag an den Börsen: Am Morgen war noch die Hoffnung auf einen geordneten Brexit gestiegen, doch nun beginnt die britische Regierung, sich selbst zu zerlegen. Außerdem zeichnet sich ab, dass Theresa May kaum Chancen hat, eine Mehrheit für das Brexit-Abkommen im britischen Unterhaus zu bekommen. Der deutsche Leitindex Dax , der britische FTSE, das britische Pfund und der Euro gaben daraufhin nach. Zeitweise notierte der Dax 1,5 Prozent tiefer bei 11.265 Punkten, bevor er sich im späten Handel wieder etwas erholte und den Xetra-Handel (17.30 Uhr) mit einem Verlust von 0,5 Prozent bei 11.353 Zählern beendete.

Einen Tag nach der Zustimmung des britischen Kabinetts zum EU-Ausstiegsvertrag sind Brexit-Minister Dominic Raab sowie die Arbeitsminister Esther McVey zurückgetreten: Sie könnten das Abkommen nicht mit den Versprechungen in Einklang bringen, die dem Land bei dem Referendum im Juni 2016 gemacht worden seien. 48 Abgeordnete des Parlaments kündigten zudem ein Misstrauensvotum gegen Theresa May an.

Damit steigt die Wahrscheinlichkeit, dass ein geordneter Ausstieg doch noch am Widerstand der Briten scheitert und es statt dessen zu einem chaotischen Ausstieg ohne Vertrag kommt. An der Londoner Börse gerieten daraufhin der britische FTSE sowie das britische Pfund unter Druck.

Pfund auf Tauchstation - Kursrutsch gegenüber dem Euro

Der Euro ist am Donnerstag nur zeitweise durch die Turbulenzen in Großbritannien belastet worden. Nach Rücktritten mehreren britischer Regierungsmitglieder fiel der Kurs der Gemeinschaftswährung zunächst bis auf 1,1271 US-Dollar. Bis zum späten Nachmittag erholte sie sich aber wieder und stieg auf 1,1319 Dollar. Die Europäische Zentralbank (EZB) setzte den Referenzkurs auf 1,1305 Dollar fest.

Wesentlich stärker und nachhaltiger als der Euro wurde das britische Pfund geschwächt. Sowohl zum US-Dollar als auch zur Gemeinschaftswährung verlor es etwa 1,5 Prozent an Wert. Es ist der größte Tagesverlust in diesem Jahr. Auch zu vielen anderen Währungen fielen die Verluste kräftig aus.

Aus Protest gegen die von Regierungschefin Theresa May ausgehandelte Brexit-Vereinbarung mit der Europäischen Union traten gleich mehrere Regierungsmitglieder zurück, darunter der für den Brexit zuständige Minister Dominic Raab. In einer turbulenten Parlamentsdebatte wurde die Vereinbarung von vielen Abgeordneten massiv kritisiert. Brexit-Hardliner Jacob Rees-Mogg sprach sich für ein Misstrauensvotum gegen Regierungschefin May aus.

Auch Portfoliomanager Thomas Altmann von QC Partners warnt, dass das Regierungschaos in London den Börsen noch Sorgen bereiten werde: "Solange es kein 'go' vom britischen Parlament gibt, ist jede Freude an den Börsen verfrüht." Die Wahrscheinlichkeit eines ungeordneten "No-Deal-Brexit" bestehe weiterhin.

Wall Street: Dow Jones fällt fünften Tag in Folge

An der Wall Street hielten sich Käufer ebenfalls zurück. Kurz nach Börsenstart fiel der Dow Jones deutlich unter die Marke von 25 000 Punkten und steuert auf den fünften Tagesverlust in Folge zu. Auch der Nasdaq Stock Market drehte in die Verlustzone.

Am Mittwoch hatten noch die anhaltenden Handelskonflikte ebenso auf die Stimmung gedrückt wie die Sorge, dass das weltweite Wirtschaftswachstum den Zenit erreicht haben könnte.

Der Handelskonzern Walmart blickt nach einem starken dritten Quartal optimistisch auf das Weihnachtsgeschäft. Für die Papiere ging es vorbörslich um gut 1 Prozent nach oben. Demgegenüber enttäuschte der Kaufhauskonzern JC Penney mit seiner Umsatzentwicklung im dritten Quartal, so dass die Aktien um fast 10 Prozent einknickten.

Hintergrund: Warum nun auch an der Wall Street die Kurse purzeln

Die Anteilsscheine von Cisco wiederum zogen im frühen Geschäft um fast 4 Prozent an. Der Netzwerk-Spezialist hatte Anleger mit einem überraschend gut verlaufenen Geschäftsquartal erfreut.

Die Aktien von JPMorgan schließlich gewannen rund 1 Prozent. Staranleger Warren Buffett war mit seiner Investmentgesellschaft Berkshire Hathaway in großem Stil bei der größten US-Bank eingestiegen

Autowerte unter Druck: China sagt Steuererleichterungen ab

Schwindende Hoffnungen von Anlegern auf Steuererleichterungen für die Autobranche in China haben die Aktien von europäischen Autowerten am Donnerstag ins Straucheln gebracht. Die Titel von Volkswagen Vz. , Daimler , BMW und Continental rutschten um zwei bis drei Prozent ab und standen damit auf der Verliererseite im Dax ganz oben.

In Frankreich gaben die Papiere von Peugeot und Renault um bis zu 2,3 Prozent nach. Die Aktien von Fiat Chrysler fielen an der Börse in Mailand zeitweise um 1,2 Prozent.

Die Regierung in Peking will die beim Autokauf anfallenden Steuern von zehn Prozent doch nicht auf fünf Prozent reduzieren, wie sie am Donnerstag mitteilte. Dies war ursprünglich einmal im Gespräch, um den schwächelnden Automarkt in der Volksrepublik anzukurbeln. Im Oktober ging der Absatz um 11,7 Prozent zurück, so stark wie seit sieben Jahren nicht mehr. Es war bereits der vierte Monat in Folge mit rückläufigen Verkaufszahlen.

Etwas Bewegung im Handelsstreit zwischen USA und China

Positive Signale kommen laut Altmann auch aus Peking: "Mit ersten Zugeständnissen gehen die Chinesen auf Donald Trump zu." Es sehe so aus, als ob beide Seiten eine Handelseinigung wollten. Im aktuellen Umfeld sinkender Wachstumsraten werde China bereit sein, zur Vermeidung noch höherer Strafzölle einen gewissen Preis zu zahlen.


Dax Realtime: Hier sehen Sie Dax und Dow Jones in Echtzeit


Am Mittwoch hatten Kursverluste von Apple die Stimmung an der Wall Street getrübt. Der Dow-Jones-Index der Standardwerte schloss mit einem Minus von 0,8 Prozent auf 25.081 Punkten. Der breiter gefasste S&P 500 verlor 0,75 Prozent auf 2701 Zähler. Der Index der Technologiebörse Nasdaq gab um 0,9 Prozent auf 7136 Punkte nach. In Tokio fiel der Nikkei-Index um 0,3 Prozent auf 21.778 Punkte, der breiter gefasste Topix-Index tendierte mit 0,1 Prozent im Minus bei 1638 Zählern.

Henkel legt nach Zahlen zu

Den Persil-Hersteller Henkel haben höhere Rohstoffpreise und der starke Euro auch im dritten Quartal gebremst. Der Umsatz legte um 1,1 Prozent zu. Wachstumstreiber war erneut das wichtige Klebstoffgeschäft. Das bereinigte operative Ergebnis stieg um 3,3 Prozent. Henkel sieht sich auf Kurs, die eigenen Ziele für das Gesamtjahr zu erreichen. Die Aktie legte daraufhin deutlich zu und zählte gemeinsam mit RWE und Linde zu den Gewinnern im Dax.

Der Modekonzern Hugo Boss will in den kommenden vier Jahren bei Umsatz und Gewinn eine Schippe drauf legen. Die Hoffnungen ruhen dabei auf Asien, dem Ausbau der Marke Hugo sowie dem Onlinegeschäft. Der Gewinn soll deutlich schneller steigen als die Erlöse. Bei der Dividende bleibt alles beim Alten. Die Aktien legten mehr als zwei Prozent zu.

Euro kaum verändert

Der Euro hat am Donnerstag an die Kursgewinne vom Vortag angeknüpft und weiter zugelegt. Am Morgen wurde die Gemeinschaftswährung bei 1,1336 US-Dollar gehandelt, nachdem sie in der vergangenen Nacht 1,1310 Dollar gekostet hatte. Die Europäische Zentralbank (EZB) hatte den Referenzkurs zuletzt am Mittwochnachmittag auf 1,1296 (Dienstag: 1,1261) Dollar festgesetzt.

Der Euro konnte damit den dritten Tag in Folge zulegen, nachdem er zu Beginn der Woche mit 1,1216 Dollar noch auf den tiefsten Stand seit Juni 2017 gefallen war. Die Gemeinschaftswährung profitierte von dem Durchbruch bei den Verhandlungen für einen geregelten Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union.

Britisches Pfund gibt nach Raab-Rücktritt wieder nach

Unmittelbar nach dem Rücktritt des britischen Brexit-Ministers Dominic Raab ist das britische Pfund deutlich gefallen. Die britische Währung notierte am Donnerstagvormittag bei 1,2831 Dollar - vor der Ankündigung war das Pfund noch bis auf 1,30 Dollar geklettert.

Grund für den jäh gestoppten Anstieg war die am Mittwochabend verkündete Einigung auf einen Vertragsentwurf zum Brexit. Raab erklärte am Donnerstagmorgen per Twitter, er könne insbesondere die Passagen im Vertragsentwurf zum künftigen Status von Nordirland nicht mittragen und habe deshalb die Regierung verlassen.

Ölpreis stabilisiert sich nach Talfahrt

Die Ölpreise haben sich am Donnerstag nach einer rasanten Talfahrt weiter stabilisiert. Am Morgen blieben die Notierungen kaum verändert. Ein Barrel (159 Liter) der Nordseesorte Brent kostete zuletzt 66,23 US-Dollar. Das waren elf US-Cent mehr als am Vortag. Der Preis für amerikanisches Rohöl der Sorte West Texas Intermediate (WTI) fiel hingegen geringfügig um einen Cent auf 56,24 Dollar.

Bis zum späten Dienstagabend waren die Ölpreise noch auf Talfahrt und konnten sich erst zur Wochenmitte stabilisieren. Seit Anfang Oktober hatte sich US-Öl um fast 20 Dollar verbilligt. Als Ursache für den Einbruch gelten vor allem zahlreiche Ausnahmeregelungen bei den US-Sanktionen gegen das Opec-Land Iran, die eine höhere Exportmenge des Landes ermöglichen.


Lesen Sie auch: Darum fällt der Ölpreis derzeit wie ein Stein


Im weiteren Handelsverlauf dürfte die Entwicklung der Ölreserven in den USA wieder stärker in den Fokus der Anleger rücken. Am Nachmittag stehen offizielle Lagerdaten der Regierung in Washington auf dem Programm, die am Ölmarkt für neue Impulse sorgen könnten. Bereits am Vorabend war bekannt geworden, dass der Interessenverband American Petroleum Institute (API) davon ausgeht, dass die amerikanischen Ölreserven in der vergangenen Woche um rund 8,8 Millionen Barrel gestiegen waren.

mg/dpa-afx, rtr

Mehr zum Thema