22.05.2020 
Börse

Wall Street bremst Dax, Lufthansa dreht ins Minus

Der Dax erholt sich und steigt am Nachmittag wieder über die Marke von 11.000 Punkten. Aktien der Lufthansa drehen dagegen in die Verlustzone. An der Wall Street halten sich US-Anleger zurück - nicht zuletzt wegen der Spannungen zwischen USA und China.

Die Furcht vor zunehmenden Spannungen zwischen den USA und China hat den europäischen Anlegern die Kauflaune nur kurzfristig verdorben. Der Dax erholte sich nach schwachem Start und beendete den Xetra-Handel (17.30 Uhr) mit einem Plus von 0,1 Prozent bei 11.073 Zählern. Zwar hatten die USA eine scharfe Reaktion auf das von China geplante Sicherheitsgesetz in Hongkong angekündigt, doch die US-Börsen reagierten bis zum späten Freitag Nachmittag nur mit leichten Verlusten auf den Konflikt zwischen China und den USA.

Im Dax profitierten Lufthansa zunächst weiterhin von der nahenden Rettung durch den Einstieg des Bundes. Die Papiere drehten am späten Nachmittag jedoch wieder in die Verlustzone und fielen zeitweise wieder unter die Marke von 8 Euro zurück.

Anteile am Chiphersteller Infineon drehten nach Handelsstart in den USA zurück ins Plus. Auch die Aktien von SAP konnten ihre Verluste zuletzt deutlich eingrenzen.

TeamViewer, Delivery Hero und Shop Apotheke nahe Rekordhoch

Im Gegenzug waren Gewinner der Corona-Krise gefragt. Papiere des Essenslieferdienstes Delivery Hero kletterten über die Marke von 90 Euro und erreichten damit ein neues Rekordhoch. Auch die Papiere des Softwareanbieters Teamviewer und der Shop Apotheke näherten sich mit Zuwächsen von knapp drei beziehungsweise rund zwei Prozent ihren Höchstständen.

Wall Street: Dow Jones und Nasdaq knapp im Minus, HPE stürzt ab

Die Furcht vor einem Wiederaufflammen des amerikanisch-chinesischen Handelsstreits hat die Wall Street am Freitag belastet. Spekulationen auf weitere Konjunkturhilfen stützten die Kurse aber. Der Dow Jones Index der Standardwerte trat bei 24.469 Punkten auf der Stelle. Der breiter gefasste S&P 500 und der Index der Technologiebörse Nasdaq notierten kaum verändert bei 2948 und 9285 Punkten.

Zu den größten Verlierern zählten angesichts fallender Ölpreise die Ölkonzerne Exxon Mobil und Chevron . Anleger warfen auch Hewlett-Packard Enterprises (HPE) nach enttäuschenden Zahlen aus den Depots. Die Aktien des Informationstechnik-Konzerns fielen um 9 Prozent. HPE fuhr im abgelaufenen Quartal größere Umsatz- und Ergebnisrückgänge ein als erwartet. Die Firma will die Kosten bis 2022 um mindestens eine Milliarde Dollar senken und die Basis-Bezüge des Top-Managements kappen, um die Folgen der Virus-Krise abzufedern.

Die hohe Nachfrage nach Cloud-Software half hingegen Splunk-Papieren um mehr als fünf Prozent nach oben. Der Software-Hersteller profitiert davon, dass mehr Menschen von Zuhause arbeiten.

Dollar und Goldpreis legen zu

Der Dollar legte 0,4 Prozent zu, der Euro gab im Gegenzug 0,5 Prozent nach auf 1,0892 Dollar. Handelskonflikt bedeute Dollarstärke, sagte Ulrich Leuchtmann, Devisenexperte bei der Commerzbank. Das bedeute, dass der Ausflug des Euro über die Marke von 1,10 Dollar von kurzer Dauer gewesen sei und erstmal kein Thema mehr sein dürfte. Auch der Goldpreis kletterte weiter und notierte in der Nähe des kürzlich erreichten 7-Jahres-Hochs.

Ölpreis fällt - Peking verzichtet auf Wachstumsziel

Der Verzicht der chinesischen Regierung auf ein Wachstumsziel lastete auf dem Ölpreis. Ein Barrel (159 Liter) leichtes US-Öl verbilligte sich um 9,4 Prozent auf 30,72 Dollar, Nordseeöl der Sorte Brent kostete mit 33,54 Dollar sieben Prozent weniger. Dass nun kein Wachstumsziel gesetzt werde, könnte so gewertet werden, dass Investitionen in die Infrastruktur weniger Bedeutung erhielten, sagte Stephen Innes, Chefstratege beim Broker AxiCorp.

Luxuswerte unter Druck - Sorgen um Hongkong

Abwärts ging es dagegen für europäische Luxuswerte. Sie litten unter den Plänen für das Sicherheitsgesetz in Hongkong - die ehemalige britische Kronkolonie gehört zu ihren wichtigsten Absatzmärkten. Die Papiere von Unternehmen wie der Gucci-Mutter Kering, Hermes, LVMH oder Dior gaben bis zu 2,6 Prozent nach.

Soros empfiehlt EU Anleihen mit unbegrenzter Laufzeit

Die Verzinsung der italienischen Staatsanleihen fiel auf 1,570 Prozent und damit auf den tiefsten Stand seit sechs Wochen. Sie steuern auf den größten Wochenrückgang seit Ende März zu. Grund sei der Vorschlag für einen 500 Milliarden Euro schweren europäischen Wiederaufbaufonds, sagt Marc McDonnell, Analyst beim Finanzdienstleister Invesco. "Es ist positiv für die Anleihen der Peripheriestaaten, in einiger Hinsicht ist es positiv für die Banken, aber lasst uns sehen, wie die Details aussehen." Der US-Starinvestor George Soros sieht die Europäische Union durch das Virus bedroht und sprach sich für Anleihen mit unbegrenzter Laufzeit aus. "Sollte die EU darüber jetzt nicht nachdenken, könnte sie nicht überleben", sagte er. "Das ist keine theoretische Möglichkeit; das könnte eine tragische Realität werden."


Kursübersicht: Hier sehen Sie Dax und Dow in Echtzeit


Zudem rückt Hongkong zurück ins Visier der Anleger. Für Aufregung sorgen Pläne der chinesischen Regierung, noch mehr Kontrolle über die Sonderverwaltungszone zu bekommen und ein eigenes Sicherheitsgesetz zu erlassen. Während Beobachter neue Unruhen in der ehemaligen britischen Kolonie befürchten, dürfte dies auch die Spannungen zwischen den USA und China weiter verschärfen.

Von Unternehmensseite kommen unterdessen keine Impulse. Dort ist die Nachrichtenlage am Morgen mehr als dünn. Da nach dem Feiertag viele Marktteilnehmer den Brückentag für ein verlängertes Wochenende nutzen, dürfte der Handel auch am letzten Tag der Woche in ruhigen Bahnen verlaufen.

Streit um Hongkong lastet auf Asiens Börsen - Hang Seng bricht ein

Neue Spannungen zwischen China und Hongkong verderben den asiatischen Anlegern zum Wochenschluss die Kauflaune. In Hongkong sank der Hang Seng um bis zu 5,7 Prozent und notierte so niedrig wie seit Anfang April nicht mehr.

Auch in China gaben die Kurse nach. China plant ein neues Sicherheitsgesetz für Hongkong, wie ein chinesischer Regierungsvertreter ankündigte. US-Präsident Donald Trump kritisierte die Entscheidung scharf und kündigte eine "sehr starke" Reaktion auf alle Schritte an, die zu einer stärkeren Kontrolle der chinesischen Regierung über die ehemalige britische Kronkolonie führt. Derzeit steht noch ein Bericht des US-Außenministeriums aus, ob Hongkong über ausreichend Autonomierechte verfügt, um weiterhin von den USA bevorzugt behandelt zu werden. "Der Bericht könnte kommenden Monat vorgelegt werden, und es besteht die Gefahr, dass die Spannungen zwischen den USA und China bis dann zunehmen", sagte Ei Kaku, Währungsstratege beim Finanzdienstleister Nomura Securities.

Auch Nikkei in Japan gibt nach

In Tokio ging der 225 Werte umfassende Nikkei 0,8 Prozent schwächer bei 20.388,16 Punkten aus dem Handel. Auf Wochensicht verbleibt damit ein Plus von 1,8 Prozent. "Es gibt keinen Zweifel daran, dass die Firmenzahlen in Japan herausfordernd werden", sagte Soichiro Matsumoto, Chefinvestor für Japan bei der Bank Credit Suisse. "In dieser Wochen waren die Anleger zwischen der wirtschaftlichen Realität und dem Handelsthema USA/China sowie den politischen Spannungen gefangen."

mit dpa und reuters

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