23.09.2019 
Pleiten, Brexit - und ein Schneeballsystem

Gestörter Kapitalismus

Eine Meinungsmache von Markus Schön

Erneut ist der deutsche Leitindex Dax an der Marke von 12.500 Punkten gescheitert und hat deutlich nachgegeben. Während bei 11.700 Punkten die Sicht auf die aktuelle politische und konjunkturelle Lage zu schlecht ist, wird ab 12.400 Punkte zu viel zu positiv gesehen.

Es sind vor allem politische Unsicherheiten, die die Märkte belasten. Das beste Beispiel ist der geplante Brexit. Der britische Premierminister Boris Johnson lässt keinen Zweifel, dass er am 31.10.2019 aus der EU austreten will. Natürlich kann dies Verhandlungstaktik sein und wenige Tage vor dem Ultimatum knickt dann er ein. Der wirtschaftliche Schaden entsteht aber in jedem Fall.

Markus Schön
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    Markus Schön
    Markus Schön ist Vermögensverwalter und Autor mehrerer Bücher. Daneben engagiert er sich ehrenamtlich für die gemeinnützige GIVING TREE Stiftung, die benachteiligte Kinder und Jugendliche unterstützt.

Nächstes Beispiel: Italien. Hier scheint die nicht einmal einen Monat im Amt befindliche Regierung schon wieder ihre Parlamentsmehrheit zu verlieren. Der frühere Regierungschef will sich mit einigen Abgeordneten abspalten, um seine politischen Ziele ohne Rücksichtnahme auf Koalitionspartner verfolgen zu können. Egoismus statt Gemeinsinn: Politik in Europa erfolgt immer stärker unter dem Blickwinkel, wenn jeder an sich denkt, ist an alle gedacht. Das Ringen um die beste Lösung oder einen ihr nahekommenden Kompromiss kommt immer stärker in Vergessenheit.

Gestörter Kapitalismus - am Beispiel von Thomas Cook

Anders kann man auch die Entwicklung beim britischen Reisekonzern Thomas Cook nicht nachvollziehen. Das Unternehmen ist - wie auch andere, vielfach in Hand von Finanzinvestoren befindliche Gesellschaften - schon längere Zeit nicht mehr überlebensfähig. Hier hätte man besser eine geordnete Abwicklung zum Wohle der Verbraucher angehen sollen, statt immer wieder auf ein "kapitalistisches Wunder" zu hoffen, bei dem jemand gutes Geld schlechtem hinterher wirft.

Nachdem dies bei der Bankenrettung faktisch europaweit funktioniert hat, pervertiert die damals gerettete Royal Bank of Scotland das System und fordert nach einer eigentlich bereits erzielten Einigung zusätzliches Geld oder weitere Sicherheiten. Diese sollen - wieder einmal -von staatlicher Seite erfolgen.

Schließlich, so scheint das Kalkül zu sein, können sich mitten im Brexit-Chaos weder Großbritannien noch die EU den Zusammenbruch eines so wichtigen Unternehmens leisten, der 600.000 Urlauber zumindest mittelbar betreffen würde.

Diese politische Geiselhaft muss aufhören, wenn das Finanzsystem dauerhaft funktionieren soll. Kapitalismus ohne Pleiten ist wie Fußball ohne Tore - unvorstellbar. Also muss die Phase der nachlassenden wirtschaftlichen Dynamik auch eine Phase sein, in der eine Marktbereinigung stattfindet. Dazu müssen dann auch seit Jahren erfolglose Anbieter wie eben Thomas Cook gehören. Konzepte, die am Markt nicht nachgefragt werden, haben keine Berechtigung.

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