23.05.2019 
Rechtsstreit vor dänischem Gericht

Starkünstler Ai Weiwei zeigt Volkswagen den Mittelfinger

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Ein ernster Blick, ein Volkswagen-Logo und ein Mittelfinger - kein Zweifel, der chinesische Starkünstler Ai Weiwei (61) versteht sich darauf, seine Botschaften mit starken Bildern zu versehen. Diesmal nutzt er dazu das soziale Netzwerk Instagram, begleitet von dem Kommentar: "Auf dem Weg nach Kopenhagen um der Verhandlung in unserem Prozess gegen Volkswagen beizuwohnen."

Hintergrund ist ein Streit, den Ai Weiwei bereits seit geraumer Zeit mit dem Autokonzern austrägt. Dabei geht es um eine Werbeanzeige, die ein Fahrzeug von Volkswagen zeigt, das an einem Werk Ai Weiweis in Kopenhagen vorbeifährt.

Bei dem Kunstwerk namens "Soleil Levant" aus dem Jahre 2017 (eine Anspielung auf ein Gemälde gleichen Namens des französischen Impressionisten Claude Monet von 1872) handelt es sich um eine Installation aus 3500 orangefarbenen Schwimmwesten. Diese wurden von Ai Weiwei an der Fassade von Kopenhagens Kunsthalle Charlottenburg angebracht, womit der Künstler auf die Flüchtlingsproblematik verweisen will. Die Schwimmwesten stammen aus Griechenland und wurden tatsächlich von Migranten auf deren Flucht getragen.

Den Zorn des Künstlers zog Volkswagen auf sich, weil das Unternehmen Ai Weiwei offenbar weder fragte, ob das Kunstwerk in der Werbung verwendet werden darf, noch den Namen des Urhebers bei der Veröffentlichung nannte. So sei der falsche Eindruck entstanden, Ai Weiwei habe die Verwendung autorisiert, schreibt der Chinese in einem früheren Instagram-Post. Das Vorgehen der Wolfsburger habe ihn befremdet, so Ai Weiwei.

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I am suing Volkswagen in Denmark for violating my intellectual property and moral rights. My artwork “Soleil Levant” (2017), which I created for World Refugee Day, was installed at Copenhagen's Kunsthal Charlottenborg from June 20 to October 1, 2017. The work comprises 3,500 lifejackets used by refugees who fled to Lesvos, Greece, escaping persecution and conflict. In October 2017 Volkswagen Denmark used an unauthorized photo of “Soleil Levant” in an ad for its VW Polo campaign. I was not credited as the artist, and my artwork image was uncredited and cropped without permission. The infringing material was circulated to over 200,000 people, giving the false impression that I had authorized Volkswagen to use my artwork in its ad for the new Polo. I was astonished by Volkswagen’s brazen violations of my intellectual property and moral rights. Since November 2017 I have been trying to resolve the matter with Volkswagen. In more than one year of fruitless negotiation, they only engaged in arrogant gestures to trivialize their guilt and dismiss the matter. Intellectual property protection lies at the heart of a society that values human invention and makes our useful accumulation of knowledge possible. Respect of intellectual property law is one cornerstone of a functioning international legal system. As one of the largest European companies, Volkswagen should understand these same laws. Volkswagen and other multinational corporations have tremendous bargaining power in intellectual property protection as well as environmental and human rights. They are not above the law. Human rights, like intellectual property, is a popular concept but one that is difficult to enforce. We should remember that Germany took in one million refugees in 2015, a powerful humanitarian act in a divided world. As one of Germany’s internationally most visible companies, Volkswagen’s disregard for fair play and humanitarian issues is truly disturbing.

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Ohnehin ist der Künstler auf Volkswagen nicht gut zu sprechen. Laut Artnet.com kritisiert Ai Weiwei den Konzern dafür, dass er laufend bestrebt sei, seine Marktanteile in China zu vergrößern, und gleichzeitig die prekäre Menschenrechtslage in der Volksrepublik ignoriere. Ai Weiwei selbst verbrachte in seiner Heimat wegen regierungskritischer Äußerungen bereits einige Zeit im Gefängnis.

Wirklich erbost hat den Künstler im vorliegenden Fall seinen eigenen Angaben zufolge aber erst die Reaktion des Unternehmens, nachdem Ai Weiwei es auf das Urheberrechtsproblem aufmerksam gemacht hatte. Volkswagen habe sich lediglich in "arroganten Gesten geübt, um die eigene Schuld zu trivialisieren und die ganze Sache herunterzuspielen", so der Künstler.

Die Folge: Ai Weiwei entschloss sich zur Klage, über die nun in Dänemark verhandelt wird.

Aus der Sicht Volkswagens klingt die Beschreibung des Vorgangs allerdings etwas anders: Ein Konzernsprecher in Wolfsburg stellt auf Anfrage von manager-magazin.de klar, die Angelegenheit betreffe ausschließlich den dänischen Importeur des Konzerns, gegen den sich auch die Klage richte. Die Konzernzentrale sei insofern nicht zuständig.

Ein Sprecher des dänischen Volkswagen-Importeurs Scandinavian Motor Co bestätigt die Klage Ai Weiweis gegen das Unternehmen wegen möglicher Urheberrechtsverletzung, will den laufenden Rechtsstreit aber nicht weiter kommentieren. Das fragliche Bild eines VW-Polos mit Ai Weiweis Kunstwerk im Hintergrund sei eines von vielen, die an verschiedenen Stellen in Kopenhagen aufgenommen wurden. Illustriert wurde damit den Angaben zufolge eine 14-seitige Geschichte in einem dänischen Kundenmagazin.

Christoph Rottwilm auf Twitter

Scandinavian Motor, so der Sprecher gegenüber manager-magazin.de weiter, habe den Fehler frühzeitig eingeräumt und mit Ai Weiwei ein Jahr lang nach einer Lösung gesucht. Da das nicht möglich gewesen sei, sei es zum Prozess vor Gericht gekommen. Nun müsse man eben einige Monate auf die Entscheidung der Richter warten.

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