Kolumne "Chefsache"

Vom "Gipfel" zum "Notstand"

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Liebe Leserinnen, liebe Leser,

nach Konstanz und Ludwigslust hat nun mit Kiel die erste deutsche Landeshauptstadt den "Klimanotstand" ausgerufen. Das hat keine verbindlichen Rechtsfolgen, stellt aber im Grunde die gesamte Kommunalpolitik unter eine Art Klima-Kuratel. Dem Thema höchste Priorität einzuräumen, ist richtig. Wenn darüber aber etwa Rechts- und Bildungspflege vernachlässigt würden, wäre das schlecht.

Seit ein paar Wochen frage ich mich zudem, wie gerade der moderne Großstädter es tatsächlich so hält mit dem Klimaschutz. In große Aufregung versetzt ihn ganz offensichtlich (unter anderem ausweislich der Nachfrage nach entsprechenden Informationen auf mm.de) der baldige Marktstart von ausleihbaren Elektro-Scootern.

Die meisten Menschen wollen umweltfreundlich und gesund leben und gerne auch noch Spaß dabei haben. Für eine der größeren Nöte des modernen Großstädters - die Frage, wie man anständig von A nach B kommt - weiß ich Abhilfe, die genau diesen Ziel-Kanon befriedigt: das Fahrrad. Die E-Scooter erfüllen dagegen höchstens das dritte Kriterium. Gesundheitsfördernd sind sie nun wahrlich nicht, und die Batterien und Energie, die sie brauchen, sind der Umweltbilanz von Fahrrädern CO2-tonnenweit unterlegen.

Bei der Europawahl am übernächsten Sonntag ist die Umweltpolitik das Thema, das die Wähler am meisten umtreibt. Es vergeht kaum noch eine Woche, in der nicht ein großes Unternehmen ein konkretes Versprechen abgibt, ab wann es "klimaneutral" sein wolle. Wie das genau zu erreichen und dann nachzuweisen ist - in vielen Fällen unklar.

Irgendwann nach der Jahrtausendwende hat die Politik angefangen, jede noch so turnusmäßige Zusammenkunft als "Gipfel" zu annoncieren. Entschieden worden ist dann häufig trotzdem auch nicht mehr als bei den "Treffen" vorher.

Sich große Ziele zu setzen, ist unerlässlich, keine Frage. Ich hoffe aber, dass es bei den hehren CO2-Zielen und beim "Klima-Notstand" nicht in genau derselben Produktenttäuschung endet. Wir riskieren sonst, Ohnmacht und Wut zu schüren. Dagegen anzuradeln reicht dann nicht mehr aus.

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Sven Clausen


Chefsache ist der wöchentliche Newsletter aus der Chefredaktion des manager magazins.

Jeden Freitagnachmittag kommentieren abwechselnd Sven Clausen und Martin Noé die vergangene Woche und geben einen Ausblick auf die kommende Woche.

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