18.11.2019 
Wie sicher ist die Welt?

Das ist die Risikokarte für Geschäftsreisende

Von Antje Blinda, DER SPIEGEL

Vor der maledivischen Insel Girifushi ist ein deutscher Tourist bei einer Bootsfahrt von einer Kugel getroffen worden. Ein Querschläger einer Militärübung verletzte den 41-Jährigen zum Glück nicht lebensbedrohlich. In Griechenland starben zwei Urlauber, als ihr Camper in einem Wirbelsturm über den Strand bei Sozopoli geschleudert wurde. Und in Kenia kollidierte ein zweimotoriges Touristenflugzeug bei der Landung mit zwei Gnus - die Insassen erlitten einen heftigen Schrecken.

Alles Unfälle der vergangenen Wochen, fern der Heimat, die vielleicht ungewöhnlich sind, aber geschehen. Wie hoch ist das Risiko, auf Reisen im Straßenverkehr, bei Naturkatastrophen oder bei politischen Unruhen verletzt zu werden oder etwa an Ebola zu erkranken? Und wie sieht die medizinische Versorgung dann aus?

Dies sind Fragen, mit denen sich Sicherheitsdienstleister wie Control Risks und International SOS beschäftigen. Bei ihnen sichern Unternehmen ihre Mitarbeiter ab - mit Beratungen, Tracking und im Notfall Evakuierungen.

"2019 ist die Welt nicht unsicherer und nicht sicherer geworden", sagt Martin Bauer, Regional Security Manager Deutschland und Österreich bei International SOS, die am Montag die neue Version der "Travel Risk Map" mitherausgeben haben. Tiefrot und mit extrem hohem Sicherheitsrisiko sind darauf Länder wie Jemen, Syrien oder Libyen eingezeichnet. Hoch ist das Risiko etwa in Venezuela und Teilen Indiens, mittel in Brasilien und Südafrika, niedrig in Marokko und Deutschland und unbedeutend in Slowenien oder Dänemark. (Hier geht es zur interaktiven Weltkarte.)

14 Veränderungen bei der Bewertung auf der Travel Risk Map hätten sich zum Vorjahr ergeben, sagt Bauer dem SPIEGEL:

2019 haben vor allem die Proteste in Hongkong für viele Anfragen von Firmenkunden gesorgt, sagt Bauer. In der Stadt sei Finanzindustrie aus vielen Ländern ansässig, dementsprechend viele Ausländer wohnen dort.

2019 haben vor allem die Proteste in Hongkong für viele Anfragen von Firmenkunden gesorgt, sagt Bauer. In der Stadt sei Finanzindustrie aus vielen Ländern ansässig, dementsprechend viele Ausländer wohnen dort.

Auch die Spannungen zwischen Saudi-Arabien und Iran blieben im Blick: Wird es zu einem größeren Konflikt kommen? Gibt es weitere Anschläge auf Ölanlagen? Die Situation "verschafft uns viel Arbeit, weil viele Geschäftsreisende dort vor Ort sind", sagt Bauer. Genauso einige Naturkatastrophen wie Hurrikane, Brände und Überflutungen von den USA über Europa bis Indien.

Was kommt 2020?

Für 2020 rechnen die Experten mit steigender Tendenz der Naturkatastrophen, die Gefahrengebiete seien allerdings schwer vorhersagbar. Politisch rechnet der Sicherheitsmanager Martin Bauer mit diesen Unwägbarkeiten:

Medizinische Risiken: Herzinfarkt gefährlicher als Terror

Terroranschläge wie der auf dem Sinai erwecken zwar hohe Aufmerksamkeit - doch das Risiko, davon betroffen zu sein, ist gering. Ganz im Gegensatz zu Gefahren, die Reisende selbst mit im Gepäck haben: "Wenn wir in unsere Statistiken schauen, sind es vor allem die sogenannten Wohlstandserkrankungen wie Schlaganfälle, Herzinfarkte, Thrombosen, die dazu führen, dass wir Patienten evakuieren müssen", sagt Stefan Eßer, Ärztlicher Leiter Zentraleuropa bei International SOS. Zudem auch Unfälle im Straßenverkehr, bei der Arbeit oder in der Freizeit.

"Die Patienten bekommen den Herzinfarkt nicht, weil sie reisen, sondern statistisch während sie reisen", sagt er. "Der einzige Unterschied ist: Wenn man schon das Pech hat, einen Herzinfarkt zu erleiden, ist man natürlich in Frankfurt besser aufgehoben als in Ouagadougou, wo die Versorgung desaströs ist."


Lesen Sie auch: Die besten Reiseziele


Auf der Travel Risk Map spielen bei der Bewertung der medizinischen Risiken daher Faktoren wie Gesundheits- und Rettungssysteme, Verfügbarkeit von Medikamenten neben der Verbreitung von Infektionskrankheiten wie Malaria und Cholera eine Rolle.

Deutliche Verbesserungen bei den Gesundheitssystemen innerhalb der letzten Jahre sieht der Mediziner zum Beispiel in der Türkei, Tunesien und Marokko. Auch in Algerien - bisher mit hohem medizinischen Risiko eingestuft - gibt es zumindest in den Städten im Norden gute private Einrichtungen. "In den osteuropäischen Ländern wie Bulgarien und Rumänien sehen wir einen langsamen, aber kontinuierlichen Anstieg in den vergangenen 10, 15 Jahren", sagt Eßer.

Zwar gebe es auch in Rumänien mäßig oder schlecht versorgte Regionen. Beeindruckt zeigt sich Eßer aber von einem Rettungssystem in der Hauptstadt Bukarest. "Aus den Krankenwagen werden zum Beispiel EKGs über Telemedizin in die Uni-Krankenhäuser geschickt. So weiß der leitende Notarzt, welche herzmedizinischen Probleme in den nächsten 20 Minuten in der Klinik eintreffen und kann entsprechend Rettung und Personal organisieren." Das gebe es selbst in Deutschland nur selten.

Die Travel Risk Map bietet nicht nur beruflich Reisenden und ihren Arbeitgebern einen Anhaltspunkt, sondern auch Urlaubern. Letztere sind mancherorts zum Teil allerdings höheren Risiken ausgesetzt, weil sie sich im Land bewegen und in weniger geschütztem Rahmen reisen. Beziehungsweise gibt es manche Länder auf der Welt, in die man wohl nur reist, wenn man dort arbeiten muss. Die Einschätzung des Auswärtigen Amts weicht daher für manche Länder ab.

Mehr zum Thema