14.11.2019 
Regierungschef spricht von "beschissener Maßnahme"

Niederlande führen Tempo 100 auf Autobahnen ein

Zur Verringerung der Luftverschmutzung führen die Niederlande tagsüber Tempolimit 100 auf der Autobahn ein. Nur zwischen 19.00 Uhr abends und 06.00 Uhr morgens sei es dann noch erlaubt, auf den Autobahnen des Landes wie bisher 130 Stundenkilometer zu fahren, kündigte die niederländische Regierung am Mittwoch an.

Gelten soll die Maßnahme demnach ab 2020 - dann sind die Niederlande gemeinsam mit Zypern das Land mit der geringsten Geschwindigkeit auf Autobahnen in Europa. Ab wann das am Dienstag von der Koalitionsregierung in Den Haag beschlossene neue Tempolimit gilt, soll bis Ende Dezember bestimmt werden.

Das sei zwar eine "beschissene Maßnahme", jedoch sei das Tempolimit angesichts der notwendigen Senkung des Ausstoßes von Stickoxiden unumgänglich, sagte Ministerpräsident Mark Rutte am Mittwoch. "Niemand findet das schön, aber es geht hier echt um höhere Interessen", sagte der Regierungschef nach Angaben der niederländischen Nachrichtenagentur ANP weiter.

Ruttes rechtsliberale Partei VVD hatte vor einigen Jahren noch maßgeblich dafür gesorgt, dass vielerorts das niederländische Autobahn-Tempolimit von 120 auf 130 erhöht wurde.

Die öffentliche Meinung ist jedoch längst nicht so einhellig negativ, wie Rutte suggeriert. Die Wirtschaftszeitung "NRC Handelsblad" berichtet von hunderten positiven Reaktionen ihrer Leser. Der Tenor: "Logischer Plan, also machen." Auch für die Autofahrer habe das geringere Tempolimit überwältigende Vorteile. Da spiele es kaum eine Rolle, dass der Straßenverkehr nur wenig zu den Stickoxidemissionen im Land beitrage.

Der niederländische Verkehrsclub ANBW - eine Partnerorganisation des deutschen ADAC - bezeichnete die Einführung von Tempo 100 als gewöhnungsbedürftig. Allerdings hätten 51 Prozent der Teilnehmer einer Umfrage unter ANBW-Mitgliedern die Maßnahme zum Schutz der Natur als positiv bezeichnet - im Vergleich zu 34 Prozent, die Tempo 100 ablehnten.

Schon heute gilt auf den meistbefahrenen Strecken in den Ballungsräumen von Amsterdam, Rotterdam, Den Haag und Utrecht zumeist Tempo 100. Landesweit wurden als Durchschnittsgeschwindigkeit von Autofahrern auf Autobahnen jüngst 87 km/h gemessen.

Ein niederländisches Gericht hatte im Mai geurteilt, dass das Land beim Ausstoß von Stickstoff und Ammoniak gegen EU-Recht verstößt und damit den Umweltschutz gefährdet. Daraufhin wurden tausende größere Bauprojekte für Wohnungen, Straßen und Flughäfen auf Eis gelegt.

Um die Investitionen wieder freizubekommen, arbeitete die Regierung daraufhin an einem Sofortprogramm für bessere Luftwerte. Dazu gehören auch Einschränkungen für Landwirte, etwa bei der Tierfütterung, die bereits zu heftigen Bauernprotesten mit Straßenblockaden führten.

Niederländische Medien kommentierten die geplante Geschwindigkeitsbegrenzung auf Autobahnen damit, dass Bauern gezeigt werden solle, dass auch andere Teile der Gesellschaft ihren Beitrag zum Umweltschutz leisteten. Knapp die Hälfte der Stickoxidemissionen wird auf den Agrarsektor zurückgeführt.

ak/afp/dpa-afx

Mehr zum Thema