20.11.2019 
WT Social als Nonprofit-Netzwerk

So greift Wikipedia-Gründer Jimmy Wales Facebook an

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Es gibt kleinere Herausforderungen im Netz. Aber Jimmy Wales will sich gleich mit der Marktmacht von Facebook anlegen - und das aus den Ruinen eines gescheiterten Projekts heraus.

Der Mitgründer von Wikipedia hat sich in den vergangenen zwei Jahren an einer alternativen Nachrichtenplattform namens Wikitribune versucht, um Fake News und Clickbaiting etwas entgegenzusetzen. Doch das Vorhaben geriet zum Flop, schon vor einem Jahr mussten die meisten Angestellten gehen. Jetzt gibt Wales (53) die Idee ganz auf, aber nur, um Platz für eine viel größere Ambition zu machen: ein soziales Netzwerk namens WT Social, das dem vorherrschenden Datenkommerz die Grundlage entziehen soll.

"Wenn wir von heute 400 Nutzern auf 400 Millionen wachsen, dann werden wir das Internet revolutionieren", schrieb Wales ungerührt in seinem letzten Eintrag auf der alten Wikitribune-Seite Ende Oktober den verbliebenen Mitstreitern. Denn die Fehleranalyse habe gezeigt: Nicht die journalistischen Angebote selbst seien Schuld an der vergifteten gesellschaftlichen Atmosphäre, sondern ihre Abhängigkeit von Werbung und damit die Steuerung über die Aufmerksamkeit heischenden Algorithmen von Facebook und Co.

Erfolgreiche Gegenmodelle zu den kommerziellen Web-Riesen gibt es kaum - aber Wikipedia ist eines davon: ein Nonprofit-Unternehmen, das wie in den utopischen Anfangstagen des Netzes vom kollektiven Engagement der Gemeinschaft lebt und mit - allen Problemen zum Trotz - realem Nutzen weiterhin einen relevanten Teil des Internetverkehrs anzieht.

WT Social soll ausschließlich über freiwillige Spenden der Nutzer finanziert werden. "Wir werden niemals deine Daten verkaufen", heißt eines der Versprechen. Das neue Netzwerk wolle niemanden süchtig nach Klicks ohne Substanz machen. Die Qualität der Inhalte solle dadurch gesteigert werden, dass alle Nutzer jeden Eintrag bearbeiten oder löschen können. Davon verspricht sich Jimmy Wales einen Filter gegen Hass und "all den Müll, der uns umgibt", wie er der "Financial Times" sagte.

Nur: Wie lässt sich dieses Weltverbessererprogramm durchsetzen? Facebook verdankt seine Marktmacht vor allem dem Netzwerkeffekt. Der Marktführer zählt fast 2,5 Milliarden monatlich aktive Nutzer (ohne die Konzerntöchter Instagram und WhatsApp), Tendenz trotz heftiger Kritik weiter steigend. Alle wollen das Netzwerk nutzen, das alle anderen auch nutzen.

Schon früher gab es Versuche, alternative soziale Netzwerke zu gründen. Doch die gaben auf oder verschwanden in der Nische wie Ello als Künstlerplattform oder Diaspora, das sich auf die Entwicklerszene verlegt hat. Selbst kommerzielle Riesen wie Google mussten im Wettbewerb mit Facebook die Segel streichen.

Doch Jimmy Wales glaubt, dass jetzt ein Wendepunkt komme. "Die Leute haben genug davon", wie es auf Facebook, Twitter und Co. zugehe. Der Start stimmt ihn optimistisch. Am Montagabend zählte WT Social mehr als 200.000 Mitglieder, weitere 175.000 stehen auf einer Warteliste.

Wer diese Warteliste überspringen will, kann entweder eine ganze Gruppe von Kontakten mitbringen oder spenden, was fast wie ein Abo daherkommt: zwölf Euro im Monat oder 90 Euro im Jahr.

Jimmy Wales räumt ein, dass Scheitern auch in diesem Anlauf sehr gut möglich sei. "Dies ist ein radikales, verrücktes Experiment von mir." Aber das sei Wikipedia ja schließlich einst auch gewesen.

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