19.11.2019 
Gefahren auf Geschäftsreisen

"Kritisch ist es, wenn Leute glauben, schon alles zu wissen"

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Fast die Hälfte der Geschäftsreisenden macht sich Sorgen um ihre Sicherheit: Das zeigt eine aktuelle Studie des Deutschen Reiseverbands (DRV). Besonders Vielreisende, solche unter 40 Jahren und Frauen, sind häufig mit einem unguten Gefühl unterwegs.

Für die Studie "Chefsache Business Travel" hat der DRV Führungs- und Fachkräfte aus Unternehmen ab 250 Mitarbeitern befragt, sowie 100 Geschäftsführer, die selbst regelmäßig unterwegs sind. Ergebnis: Nur gut die Hälfte der Firmen haben ein professionelles Risikomanagement, ein Viertel hat keine zentrale Notfallhotline. Wie Geschäftsreisende sicherer unterwegs sein können, erläutert Michael Kink. Er verantwortet bei Giesecke+Devrient die Reisesicherheit. Der Münchener Spezialist für Banknotendruck und Sicherheitspapiere ist weltweit tätig - auch in Krisengebieten.

manager-magazin.de: Geschäftsreisende leben unter Umständen gefährlich, wie eine aktuelle Risikokarte zeigt - kann man Mitarbeiter überhaupt guten Gewissens in Krisengebiete schicken?

Michael Kink: Ganz klares Ja. Wir sind auch in Ländern wie Nigeria oder Irak tätig. Wenn man entsprechende Maßnahmen trifft, ist das Risiko kalkulierbar.

Wie sollten Unternehmen ihre Mitarbeitenden auf möglicherweise riskante Reisen vorbereiten?

Kink: Reiserichtlinien helfen schon mal, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, welche Probleme entstehen können. In Weltregionen, in denen es keine Hotels oder Fluggesellschaften gibt, die bei unserem Reiseanbieter standardmäßig gelistet sind, mussten wir schon selbst öfter auf die Suche gehen, etwa nach einem sicheren Fluganbieter zwischen Lagos und Abudscha. In Ländern wie Afghanistan oder Irak suchen wir über unsere Netzwerke nach sicheren Hotels. Ich war schon öfter vor Ort und habe mir angeschaut: Wie sehen die Fluchtwege aus? Gibt es eine gute Security und Zufahrtskontrollen? Daraus erstellen wir einen Katalog mit Hotels, die wir auch in solchen Regionen empfehlen können.

Die meisten Notfälle im Ausland sind gesundheitlicher Art - etwa Schlaganfälle oder Herzinfarkte.

Kink: In erster Linie muss der Reisende selbst einschätzen, ob er überhaupt reisen kann - etwa wenn es in die Tropen geht. Für manche Regionen ist dann ein Besuch bei der Betriebsärztin unabdingbar, um mögliche Risiken verlässlich ausschließen zu können.

Sind deutsche Geschäftsreisende problembewusst genug, wenn es ins Ausland geht?

Kink: Kritisch ist es, wenn Leute glauben, schon alles zu wissen. Wer neu in einer Firma ist, ist meist dankbar, wenn das Unternehmen mit den Reiseunterlagen hilft. Servicetechniker, auch langgediente, die haben ihre Sachen zusammen und bereiten sich ordentlich vor. Schwierig kann es manchmal mit Vertriebsleuten werden, die schon sehr oft im Ausland waren und nicht einsehen, dass Ihnen jetzt noch jemand etwas sagen können soll. Man muss sich da Vertrauen erarbeiten, um nicht als Verhinderer dazustehen. In Stein gemeißelte Richtlinien helfen nichts, wenn kein Vertrauen da ist.

Stichwort Traveller Tracking: Einerseits weiß die Firma, wo ihre Leute sind, das ist gut, aber manche Mitarbeitende fürchten um ihre Privatsphäre. Wie lässt sich das Dilemma lösen?

Kink: Der Mitarbeiter soll nicht das Gefühl haben, dass wir beobachten, wie oft, wo und mit wem er essen geht. Das Minimum ist PNR-Tracking - der Personal Name Record, also der Datensatz, dem man nur entnehmen kann, für welchen Flug und welche Hotels der oder die Betreffende gebucht ist. Wer in Länder will, die auf unserer Weltkarte rot markiert sind, wie Irak, Pakistan, Libyen oder der Sudan, muss sich schon mehr öffnen. Mancherorts kann man sich nur mit bewaffneten Begleitern bewegen. Jedes Unternehmen ist gut beraten, langfristig im Vorfeld gute Vereinbarungen mit dem Betriebsrat abzustimmen. Wir geben auf Wunsch Mitarbeitern ein Satellitentelefon mit Notrufknopf mit: wenn er den drückt, sehen wir sofort ganz genau, wo er ist und dass er Hilfe braucht.

Wie bindet man im Krisenfall Angehörige ein?

Kink: Bei uns hinterlegen Reisende eine Notfallakte, die sie freiwillig und selbständig füllen. Die wird versiegelt, und wir öffnen sie nur im Notfall.

Können kleine und mittlere Unternehmen überhaupt den nötigen Aufwand leisten, um Mitarbeiter optimal in Krisensituationen zu betreuen?

Kink: Es gibt auch für kleinere Betriebe gute Möglichkeiten, die Reisesicherheit zu verbessern. Global-Monitoring-Tools kosten nicht viel, damit ist schon viel gewonnen. Wir beobachten damit weltweit, wo sich Krisen entwickeln, wo Flughäfen gesperrt werden und wie sich Sicherheitslagen entwickeln. Die Reisenden bekommen dann eine Push-Nachricht, wir nehmen Kontakt auf und klären, wie wir helfen können. Was man jedem empfehlen kann: Die kostenlose Krisenvorsorgeliste Elefand, die das Auswärtige Amt betreibt. Dort kann man Adressen im Ausland, Telefonnummern von Angehörigen und Ärzten hinterlegen - und wird zuverlässig gefunden, wenn es zur Krise kommt.

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