15.03.2019 
"Blockchain wird langfristig unterschätzt"

Digitale Bildung - der einsame Kampf der Blockchain-Fans

Von Leonie Weigner

Die digitale Bildung in Deutschland wird mit darüber entscheiden, ob die Bundesrepublik auch künftig zu den führenden Industrienationen gehört. Die Bundesregierung agiert bislang zurückhaltend. Deshalb übernehmen private Anbieter verstärkt die Initiative.

Können Sie die Blockchain verständlich erklären? Moritz Schildt versucht es mit Tupperware. Die durchsichtigen Plastikboxen (stehen exemplarisch für die "Blocks") sind mit buntem Tesafilm (die Prüfwerte, genannt "Hashs") aneinander verklebt, in ihnen steckt jeweils ein kleiner Würfel (die Datenpakete). Die plastische Erklärung soll dem Publikum die abstrakte Thematik der dezentralen Datenbank näherbringen.

"Wir wollen die Blockchain gesellschaftsfähig machen", sagt Schildt im späteren Gespräch. Der im Januar in Hamburg gegründete Verein "Hanseatic Blockchain Institute" will mit wöchentlichen Workshops und einem regelmäßigen Austausch dafür sorgen, dass digitale Prozesse eines Tages ebenso im Alltag ankommen wie die Nutzung von Snapchat oder Instagram.

Die Vereinsgründung ist eine Reaktion auf die fehlende digitale Bildung in Deutschland. Der "Digitalpakt Schule", für den am heutigen Freitag, 15. März im Bundesrat eine Grundgesetzänderung verabschiedet werden soll, regelt zumindest die digitale Bildung ein Stück weit. 5,5 Milliarden werden in die Ausstattung der Schulen und die Weiterbildung der Lehrkräfte investiert. Bis das Früchte trägt, kann es allerdings noch ein paar Jahre dauern. Und auch wenn nicht jeder Schüler zum Schulabschluss auch eine Blockchain programmieren können muss, sollte das grundlegende Handwerk dafür doch ein Stück der Allgemeinbildung sein. Das fordern Experten schon seit Jahren.

Die Wirtschaft verändert sich - doch die staatliche Initiative fehlt bislang

Das "Hanseatic Blockchain Institute" ist nicht allein mit der Idee, tiefer in die digitale Materie einzusteigen. Mittlerweile gibt es deshalb zahlreiche Akademien, Vereine und Gruppierungen. Die meisten Initiativen verfolgen einen Weiterbildungsanspruch, verbunden mit dem Ziel, ein Netzwerk für Austausch und Unterstützung zu knüpfen. Eins haben sie alle gemeinsam: Der Glaube an die Innovationskraft der Blockchain.

Auch die Bundesregierung hat das Thema Blockchain zumindest schon einmal zur Kenntnis genommen. Ihre Initiative beschränkt sich bislang allerdings auf eine vage Ankündigung im Koalitionsvertrag, dass man sich um das Thema kümmern will. Um das "Potential [zu] erschließen und Missbrauchsmöglichkeiten zu verhindern". Dafür will man sich auch für einen "angemessenen Rechtsrahmen für den Handel mit Kryptowährungen und Token auf europäischer und internationaler Ebene" einsetzen.

Dass die Blockchain mehr ist als Token und Handel mit Kryptowährungen, ist Schildt sehr wichtig. Er sagt: "Die Blockchain-Technologie hat das Potential, unsere Gesellschaft und unser Zusammenleben ähnlich stark zu beeinflussen, wie vor mehr als 500 Jahren die Erfindung des Buchdrucks". Sollte er Recht behalten, ist die Bundesregierung bei diesem Thema sehr spät dran.

Doch auch die Skepsis ist gewachsen. Während noch vor einigen Jahren die Blockchain als nächstmögliche Revolution gehandelt wurde, mehren sich mittlerweile die Zweifel. Die Beratungsfirma McKinsey zum Beispiel erkennt in einer Studie kaum noch "Anwendungsfälle [mit] technologischem, kommerziellen und strategischen Sinn". Das ist ein bemerkenswerter Sinneswandel, hatte die Beratungsfirma doch noch vor drei Jahren verkündet, die Technik habe "das Potenzial, die Kapitalmärkte dramatisch umzugestalten, mit erheblichen Auswirkungen auf Geschäftsmodelle, dem Abbau von Risiken und Ersparnissen an Kosten und Kapital".

"Die Blockchain wird langfristig unterschätzt"

Professor Gilbert Fridgen, Leiter des Fraunhofer Blockchain-Labors, geht in der Diskussion um die Berechtigung der Blockchain einen Mittelweg: "Die Blockchain wird zwar kurzfristig über-, langfristig aber unterschätzt".

Eine angemessene praktische Handlungsanweisung wird bei der Bundesregierung in der Entwicklung einer Strategie gesehen. Die Bundesregierung will im Sommer eine solche für das Thema Blockchain vorstellen. Ob das Papier irgendwann zu einem Investitionsprogramm wird, weiß zu diesem Zeitpunkt wohl noch nicht mal die Bundesregierung. Fridgen hat die Hoffnung darauf noch nicht aufgegeben.

Aktuell läuft noch bis zum 29. März eine Online-Konsultation an der sich Organisationen und Interessierte beteiligen und ihre Meinung und Ideen teilen können. Erst an deren Anschluss, würde dann die Strategie entwickelt, heißt es aus dem Bundeswirtschaftsministerium. Und auch der vom Gesundheitsministerium initiierte Ideenwettbewerb fördert zwar innovative Ideen, sorgt aber nicht unbedingt dafür, dass die breite Masse mehr von der Blockchain versteht. Ziel der "Zukunftswerkstatt" sei es gewesen, Ideen "zu sondieren".

Während die Bundesregierung sich also zurückhaltend zeigt, geben sich private Initiatoren sehr entschlossen. Allen voran die CODE-University in Berlin. Die Programmierer-Uni bietet Camps und Workshops an, für Anfänger und Fortgeschrittene, Kinder und Erwachsene. "Chaos macht Schule", initiiert vom Chaos Computer Club und Hacker School sind weitere Beispiele - allein in Hamburg gibt es derzeit mehr als 20 Initiativen.

Ob die Blockchain sich tatsächlich flächendeckend durchsetzt, wird die Zukunft zeigen. Fridgen ist der Meinung, dass vielleicht nicht der Endverbraucher davon etwas merkt, in den Unternehmen aber viele Anwendungsfälle bleiben werden.

Digitale Bildung für Erwachsene

Der Anspruch der Vereine und Akademien ist dabei ein wichtiger Ansatz. Denn sie kümmern sich um die digitale Bildung für Erwachsene. Während immer wieder über die - fehlende - digitale Bildung unserer Kinder gesprochen wird, stellt sich die Frage: Wer bringt es ihnen eigentlich bei?

Für Peter Liggesmeyer, Leiter des Frauenhofer-Instituts für Experimentelles Software Engineering in Kaiserslautern, ist das der essentielle "Teufelskreis". Er beschreibt im Interview, mit manager magazin.de die weithin populäre, aber falsche Sicht auf den Beruf des Informatikers. "Das Ganze hat viel mit Kommunikation, Engineering und Mathematik zu tun", sagt Liggesmeyer. Mädchen würden deshalb häufig gar nicht erst anfangen. Jungs hingegen aus den gleichen Gründen das Studium nicht selten abbrechen. Die wenigen, die ein Informatikstudium erfolgreich absolvieren, gehen aber meist auf den freien Markt, wo dicke Gehälter winken. Liggesmeyer, langjähriger Präsident der deutschen Gesellschaft für Informatik, plädiert dafür, das Zerrbild des Informatiker-Berufs gerade zu rücken und damit den Teufelskreis zu durchbrechen.

Der "Digitalpakt Schule" als erster Schritt

Dass die staatliche Bildungsinitiative hinterherhinkt, ist keine Neuigkeit. Dass der "Digitalpakt Schule" erst jetzt auf den Weg gebracht wird, hat verschiedene Gründe. Lange Zeit hatte es beispielsweise wieder einmal zwischen Bund und Ländern Uneinigkeit darüber gegeben, wer die Entscheidungshoheit haben soll. Doch selbst, wenn die erreichte Einigung jetzt beschlossen wird, dürfte es noch einige Zeit dauern, bis die neuen Lerninhalte tatsächlich bei den Schülern ankommen.

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung plant darüber hinaus aktuell "keine finanzielle bzw institutionelle Förderung zur Schaffung privater Bildungseinrichtungen und Vereine zur Weiterbildung im Digitalbereich", wie es von dort heißt. Die Zuständigkeit, so heißt es weiter, sehe man bei den Ländern. Auch wenn Deutschland eine "gute Entwicklerszene" habe, wie das Wirtschaftsministerium bescheinigt, räumt es ebenso ein, dass das Land den Anschluss zu verlieren drohe. Das aufzufangen, ist die Aufgabe, ob mit oder ohne Blockchain.

Moritz Schildt will so lange nicht warten und das Risiko des Scheiterns nicht eingehen. Das "Blockchain Institute" will nun zunächst einmal in Hamburg Unterstützer für das Zukunftsthema gewinnen. "Wir können es nicht alleine schaffen, aber einen Teil dazu leisten und den Anfang machen".

Mehr zum Thema