12.07.2018  Vorteile des Mittelstands

Der neue Sehnsuchtsort für besonnene Top-Manager

Eine Meinungsmache von Heiner Thorborg
Jogger auf einem Feldweg auf der Schwäbischen Alb, der Heimat vieler fitter Mittelständler.
DPA
Jogger auf einem Feldweg auf der Schwäbischen Alb, der Heimat vieler fitter Mittelständler.

Wer souverän genug ist, zu akzeptieren, dass er vor der Gründerfamilie nicht als der bessere Unternehmer auftritt, kann sich in einem mittelständischen Betrieb einen Freiraum erarbeiten, von dem die Kollegen in den Konzernen nur träumen.

Früher hieß es: "Go west, young man!" Da wurden die großen Karrieren - und die großen Managementthemen - in USA geschmiedet. Daraus wurde spätestens um die Jahrtausendwende "Go East, young people", weil klar wurde, wie wichtig die asiatischen Märkte werden würden.

Heiner Thorborg

Dann kamen all die Rankings der beliebtesten Arbeitgeber: Sieger sind dort immer die üblichen Verdächtigen: Google oder Facebook, gefolgt von den Autoherstellern und den anderen Größen im Dax. Heute kann man jedoch sagen: "Auf in den deutschen Mittelstand, Leute, wenn Ihr was werden wollt."

Leider hält sich bei vielen hoffnungsfrohen Führungstalenten jedoch latent das Gerücht, der sei zu kleinteilig aufgestellt, als Familienbetrieb häufig tief im mittelalterlichen Patriarchat verhaftet, zerstritten, unprofessionell geführt und rückständig im Hinblick auf die Anerkennung ihres soeben mühevoll erworbenen MBA-Titels.

Das ist weitgehend Unsinn. Zum deutschen Mittelstand gehören in der Tat viele kleine Betriebe, jedoch gibt es auch Unternehmen wie Volkswagen, BMW, Lidl, Aldi oder Metro, die nach wie vor von Familien wie Porsche, Piech, Quandt, Schwarz und Haniel kontrolliert werden. Daneben finden sich jede Menge Hidden Champions, die

ein schmales Segment global bearbeiten und in ihrem Feld die Nummer eins oder zwei auf dem Weltmarkt sind. Dosierpumpen, die Hersteller aller Arten von Spezialmaschinen für Metallumformung oder zum Druck von Banknoten, Produzenten von Spezialglas, Schrauben, Motorsägen, Kirchenorgeln oder Rollen für Krankenhausbetten ... insgesamt gibt es laut ZEW rund 1600 deutsche mittelständische Weltmarktführer. Viele von ihnen entwickeln sich gut, wie das Stuttgarter Institut für Familienunternehmen IFF errechnete: Wuchs ein Dax-Unternehmen 2016 im Schnitt um 0,2 Prozent, legten die deutschen Familienunternehmen um satte drei Prozent zu. Kurz: Die deutschen KMU wären nicht da, wo sie sind, wären sie so rückständig und schlecht geführt wie ihr Image oft vermuten lässt.

Allerdings muss man für die Karriere im Familienunternehmen ein gesundes Selbstwertgefühl mitbringen und Fingerspitzengefühl im Umgang mit anderen. Der Chef in einem solchen Betrieb wird immer einen halben Schritt hinter dem Besitzer hergehen müssen, schließlich ist Karriere im Familienunternehmen immer auch eine Beziehungskiste. Wer souverän genug ist, zu akzeptieren, dass er vor der Gründerfamilie nicht als der bessere, klügere, erfolgreichere Unternehmer auftritt, kann sich in einem mittelständischen Betrieb einen Freiraum und Entscheidungsspielraum erarbeiten, von dem die Kollegen in den Konzernen nur träumen können.

Zudem denken und investieren Mittelständler langfristiger - stimmt die Chemie im Betrieb, ist daher auch die Verweildauer der Menschen im Chefsessel deutlich länger als im Dax. Schließlich soll der Familienbetrieb nicht in kurzer Zeit möglichst viel Gewinn abwerfen, sondern möglichst über Generationen hinweg wachsen. Auch ist es im Mittelstand für den Nachwuchs einfacher, in den Talentpool aufzurücken als in einem Konzern, da dort neben Auslandserfahrung häufig erste Berufsjahre bei einer großen Investmentbank oder einer Beratungs- oder Wirtschaftsprüfungsgesellschaft nachgewiesen werden müssen. Bei den Familienunternehmen dagegen gilt ein gut abgeschlossenes wirtschafts- oder ingenieurwissenschaftliches Studium in der Regel als guter Ausgangspunkt, weil dort pragmatisch die Auffassung herrscht, dass die eigentliche Weiterbildung im Betrieb selber zu erfolgen hat - was in diesen hochspezialisierten, techniklastigen Unternehmen ja auch Sinn ergibt.

Tatsächlich stimmt jedoch die Kritik an der fehlenden Anerkennung des MBA-Titels im deutschen Mittelstand. Gerade einmal zwei Prozent der Vorstandschefs von Familienunternehmen haben ein MBA-Studium absolviert, meldete das IFF vor ein paar Jahren. Im Mittelstand habe die Nase vorn, wer einen Doktortitel vorzeigen kann. Aber ist das in den Dax-Konzernen wirklich so anders? Laut einer aktuellen Analyse von Korn Ferry haben auch 46 Prozent der Dax-Vorstandschefs einen Dr. vor dem Namen. Unter den Vorständen sind es noch 36 Prozent. Der MBA-Titel dagegen ist - von bekannten Ausnahmen wie Oliver Bäte bei der Allianz und Bill McDermott bei SAP mal abgesehen - auch im Dax ein Minderheitenprogramm.

Die Distanz, mit der viele Familienunternehmen den MBA-Titel betrachten, schrumpft zudem. Ganz einfach, weil vor dem Hintergrund von Globalisierung und Digitalisierung auch die eingefleischten Traditionalisten erkennen, dass ihr Betrieb von den Kenntnissen nur profitieren kann, die eine gute Business School ihren Absolventen mit auf den Weg gibt. Ingenieure mit einem MBA könnten sogar das zukünftige Rückgrat der deutschen Wirtschaft werden - findet die doch ganz wesentlich in mittelständischen Familienunternehmen statt.

Heiner Thorborg ist Personalberater und Mitglied der MeinungsMachervon manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.

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