01.10.2018 
Chefwechsel bei Daimler, Adidas und Co

Warum deutsche Konzerne auf Skandinavier setzen

Von Judith Henke
Längst nicht der einzige Skandinavier in deutschen Vorständen: Der zukünftige Daimler-Chef Ola Källenius.
REUTERS
Längst nicht der einzige Skandinavier in deutschen Vorständen: Der zukünftige Daimler-Chef Ola Källenius.

Wird der gebürtige Schwede Ola Källenius im Mai 2019 Daimler-Chef, befinden sich bereits zwei von 30 Dax-Konzernen unter skandinavischer Leitung. Auch die Geschäfte von Sporthersteller Adidas sind in der Hand eines Skandinaviers: Vorstandsvorsitzender Kasper Rorsted ist Däne. Möglich, dass es einen skandinavischen Führungsstil gibt, der deutschen Unternehmen imponiert. Der künftige Daimler-Vorstandschef Källenius wirkt höflich, entspannt und unaufgeregt. Im Konzern heißt es immer wieder, dass der 49-jährige Betriebswirt seinen Untergebenen viel Eigenverantwortung zutraue. Doch trotz des vermeintlich weichen Führungsstils: Wenn es darauf ankäme, träfe Källenius schnelle, durchaus harte Entscheidungen.

Für Michael Proft, Partner der Personalberatung Odgers Berndtson, steht die ausgeglichene Art des neuen Daimler-Chefs für ein modernes Selbstbild des Unternehmens. "Gerade die Autobranche fiel in der Vergangenheit durch eine gewisse Hochnäsigkeit auf." Angesichts der aktuellen Umstände sei eine bescheidenere Haltung angebrachter. "Jede Zeit hat ihren eigenen Führungsstil", sagt der Berater. Gerade unter den Millennials, die zunehmend als Arbeitnehmer wichtiger werden, käme ein polternder Chef schlecht an. "Mit Autorität kommt man bei jungen Menschen nicht weit. Sie wollen keine bloßen Befehle ausführen, ohne zu wissen, warum."

Skandinavier nicht nur bei Daimler und Adidas

Skandinavier stehen für einen moderneren, weniger hierarchiebedachten Führungsstil. Nicht nur Daimler und Adidas setzen auf Personalien aus dem hohen Norden Europas. Schweden, Dänen, Finnen und Norweger machen rund zwei Prozent aller Vorstände und Aufsichtsratsmitglieder in Konzernen aus dem DAX, MDax und TecDax aus. Von 190 Dax-Vorständen sind vier aus Skandinavien, wird auch der Mdax und TecDax hinzugezählt sind es zehn skandinavische Vorstände aus rund 500 Vorständen. Bei den Aufständen sieht die Verteilung ähnlich aus: Neun Skandinavier sitzen in Dax-Aufsichtsräten, insgesamt gibt es etwa 500 Mitglieder. Plus MDax und TecDax sind es sogar 22 Skandinavier aus mehr als 1.000 Aufsichtsratsmitgliedern.

Zwei Prozent wirken angesichts eines Ausländeranteils von einem Drittel in Dax-Vorständen nicht besonders viel. Für Andreas Frische, Central Business Leader der schwedischen Personalberatung Mercuri Urval sind zwei Prozent dennoch ein beachtlicher Anteil angesichts der geringen Bevölkerungszahl der skandinavischen Staaten. Zusammen haben Schweden, Finnland, Dänemark und Norwegen etwas mehr als 26 Millionen Einwohner. Zum Vergleich: In Deutschland leben mehr als 82 Millionen Menschen. Unter den Deutschen über 15 Jahren haben 31,9 Prozent einen Hochschulabschluss. In Schweden haben 41 Prozent der Erwachsenen eine höhere Bildung erhalten, in Norwegen ist der Anteil an Akademikern ähnlich hoch wie in Deutschland, in Finnland und Dänemark liegt er weiter unten in den oberen zwanzig Prozent. "Für diese geringere Grundgesamtheit sind zwei Prozent Führungskräfte in deutschen Konzernen wirklich viel. Und die Tendenz, dass dieser Anteil steigt, ist durchaus vorhanden", sagt Frische.

Stark in der Industrie- und Technikbranche

Gerade weil die skandinavischen Länder kleiner sind, suchen Top-Manager nach Raum in den internationalen Märkten, sagt Barbara Hartmann, Partnerin der Personalberatung "Heads!". Dasselbe gelte auch für die Österreicher (acht von 190 Dax-Vorständen), deren heimischer Markt ebenfalls vergleichsweise klein sei. "Gerade im Industrie- und Technikbereich sind Skandinavier stark", sagt die Beraterin. Tatsächlich sind 20 der 32 Skandinavier in den Vorständen und Aufsichtsräten deutscher Dax-, MDax- und Tec-Dax-Konzerne in den Branchen Industrie, Pharmazie, IT oder Energie tätig. So sitzt im Aufsichtsrat des deutschen Softwareherstellers SAP der Finne Pekka Ala-Pietilä. Delivery Hero, eine Mdax-notierte Onlinebestellplattform für Essen, setzt auf gleich drei Schweden: Gründer und CEO Niklas Östberg, Marketingleiter Mats Diedrichsen und Aufsichtsratsmitglied Björn Ljungberg. Der Online-Versandhändler Zalando hat mit Anders Holch Povlsen und Jørgen Madsen Lindemann zwei Dänen im Aufsichtsrat.

Da Menschen lieber in einem vertrauten Umfeld arbeiten, sei es nur logisch, dass sich ein Skandinavier einen Landsmann in die Führungsebene holt, sagt Proft von Odgers Berndtson. Der Berater leitet den jährlichen Dax-Vorstand-Report und hat herausgefunden, dass unter den 190 Dax-Vorständen 14 Prozent Frauen sind. Auch hier sieht er die Tendenz, dass eine Frau in einer Führungsposition weitere Kolleginnen fördern könnte. Auf Gleichberechtigung wird in skandinavischen Ländern stärker Wert gelegt. "Skandinavische Führungskräfte haben eine klare Vorstellung von Work-Life-Balance. Es ist kein Manko, wenn der Chef vor seinen Mitarbeitern geht, solange er seine Arbeit erledigt", sagt Beraterin Hartmann. Das mache einen Konzern familienfreundlicher.

Skandinavier fördern Außendarstellung

Natürlich spielen auch Klischees eine Rolle: Längst nicht alle skandinavischen Manager denken antiautoritär, unverbindlich und bescheiden. Doch es fördere die Außendarstellung eines Unternehmens, sich jemanden ins Boot zu holen, der für moderne Führung stehe, sagt Frische von Mercuri Urval und beschreibt das Bild vom skandinavischen Führungsstil: "Ein skandinavischer Manager steht für aufgeweichte Hierarchien, Lockerheit und Transparenz. Doch trotz aller Unverbindlichkeit in Diskussionen - Skandinavier orientieren sich an Resultaten. Sie sind smart, aber taff." Das käme besonders in von jüngeren Menschen dominierten Branchen an, wie etwa im digitalen Bereich oder im Sport. Sowohl Adidas mit Rorsted, also auch Puma mit dem Norweger Bjørn Gulden sind unter skandinavischer Leitung. Mit dem Dänen Lars Sørensen als COO und dem Schweden Thore Ohlsson im Aufsichtsrat ist der Sporthersteller Puma stark von Skandinaviern geprägt.

Für Skandinavier ist es nicht schwer, sich in der deutschen Unternehmenskultur einzuleben. Kleinere europäische Länder fallen oft mit guten Sprachkompetenzen und internationaler Ausrichtung im Bildungswesen auf, sagt Thomas Tomkos, Partner der Personalberatung Russell Reynolds Associates. Außerdem erhielten insbesondere in Schweden sehr viele Unternehmen Eigenkapital von privaten Investoren, ein Trend, der sich auch in Deutschland abzeichne. "Zwischen Deutschland und den skandinavischen Ländern herrscht eine betriebswirtschaftlich-kulturelle Nähe."

Für deutsche Konzerne, die sich modern geben wollen, liegt es also nahe, einen Skandinavier in den Vorstand oder Aufsichtsrat zu berufen. "Daimler hat sich auch in den letzten Jahren zunehmend moderner gegeben. Dieter Zetsche konnte man in den letzten Jahren immer häufiger ohne Krawatte und in Jeans bei öffentlichen Anlässen sehen", sagt Frische von Mercuri Urval. Mit Källenius im Vorstand sende der Auto-Konzern das Signal nach außen, diesen Modernisierungstrend fortsetzen zu wollen.

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