02.01.2018  Kluge Handlungsmodelle für Alltag und Beruf

Wie Sie dem Aktionismus entkommen

Von Thomas Vasek, "Hohe Luft"
Getty Images

Unter Wirksamkeit verstehen wir im Westen gern: Pläne zu machen und sie eisern zu verfolgen. Vergebene Liebesmüh, meinen Denker aus Fernost. Es geht darum, offen zu bleiben für die Veränderungen auf dem Weg.

Hohe Luft
Ausgabe 2/2018

Philosophie und Wirtschaft

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Schon der preußische General Carl von Clausewitz (1780-1831) wusste, dass man Kriege nicht planen kann, obwohl man sie planen muss. Was immer die Strategen auf dem Reißbrett entwerfen, die Realität sieht anders aus: "Es ist im Kriege alles sehr einfach, aber das Einfachste ist schwierig." Die Einsichten von Clausewitz' über den Krieg haben heute Eingang in die Management- und Führungsliteratur gefunden. Denn sie lehren uns etwas über eine Paradoxie des menschlichen Handelns: Ständig müssen wir Pläne machen, obwohl wir eigentlich wissen, dass womöglich alles anders kommt. Warum verzichten wir dann nicht überhaupt darauf zu planen? Wäre es nicht besser, wir ließen die Dinge einfach "auf uns zukommen"?

Auch im täglichen Leben kommen wir ohne Planung nicht aus. Wir erstellen detaillierte To-do-Listen, betreiben Projekt- und Zeitmanagement. Dabei lassen wir uns von der Vorstellung leiten, wir könnten den Lauf der Dinge durch unser Handeln steuern. Es scheint uns, als hätten wir alles selbst in der Hand. Dahinter steht eine Art magischer Glaube, wir könnten über die Zukunft verfügen. Die Folge ist oft sinnloser Aktionismus, der genau deswegen wirkungslos bleibt, weil er die Wirkung erzwingen will.

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Wenn wir handeln, orientieren wir uns an Zielen, an einer bestimmten Idealvorstellung, die wir durch unser Handeln zu realisieren versuchen. Dieses "teleologische" Handlungsmodell (von telos für Ziel, Zweck) geht zurück auf die griechische Philosophie. Ein kluger Mensch ist derjenige, der weiß, was für ihn "gut und nützlich" ist, und der die "rechten Mittel" kennt, um sein Ziel zu erreichen, sagt Aristoteles in der "Nikomachischen Ethik". Das Problem an diesem Modell ist, dass sich die Umstände ändern können. Ein unerwartetes Hindernis tritt auf, irgendetwas läuft nicht so, wie man sich das vorgestellt hat. Wer nur auf einen starren Plan fixiert ist, übersieht fast zwangsläufig alternative Handlungsmöglichkeiten, die sich plötzlich und unvorhergesehen ergeben.

Die Griechen kannten neben der Klugheit (phronesis) allerdings auch eine andere, flexiblere Form von Intelligenz, die sie metis nannten. Darunter verstanden sie eine Art Schläue oder Gerissenheit, also die Fähigkeit, sich an die jeweiligen Umstände anzupassen, aus einer gegebenen Situation das Beste herauszuholen. Als Personifikation der metis galt der griechische Held Odysseus, der sich auf seiner Irrfahrt mit allen möglichen Tricks durchschlug.

Anstatt einen wohlüberlegten Plan zu verfolgen, nutzte Odysseus die Handlungsoptionen, die sich ihm in der jeweiligen Situation boten. Homer nennt ihn deshalb "polymetis" (listenreich) und "polytropos" (vielgestaltig, anpassungsfähig). Doch diese Form der situativen Intelligenz, so meint der französische Philosoph und Sinologe François Jullien, hat sich im europäischen Denken nicht durchgesetzt. Statt auf Geschmeidigkeit und Anpassung an die jeweiligen Umstände setzen wir bis heute lieber auf rationale Planung, also auf das "teleologische" Modell. Einen ganz anderen Weg zeigt uns nach Julliens Interpretation - die unter Sinologen allerdings umstritten ist - die chinesische Philosophie.

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