14.09.2018 
Drei Strategien für den Job

Urlaub fürs Ego - wie man am besten mit Kritik umgeht

Von

Ilona Bürgel
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    Die Psychologin Ilona Bürgel zählt zu den führenden Vertretern der Positiven Psychologie im deutschsprachigen Raum. Wie ein roter Faden zieht sich die Einladung zu einem Perspektivwechsel durch ihre Arbeit - weg von der Fixierung auf äußere Bedingungen in unserer sich ständig ändernden Welt, hin zum guten Umgang mit sich selbst. Sie will aufzeigen, wie der Spagat zwischen Lust auf Leistung und Erhalt der eigenen Ressourcen gelingen kann. Nach 15 Jahren in Führungspositionen ist sie heute Referentin, Beraterin, Autorin und Kolumnistin. Sie wurde vom Ministerium für Wirtschaft und Energie als Vorbildunternehmerin ausgezeichnet. Ilona Bürgel lebt und arbeitet in Dresden und im dänischen Århus.

Kürzlich habe ich ein Storytelling-Seminar besucht. Dabei gab es immer wieder Runden, in denen jeder Teilnehmer eine eigene Geschichte vortrug. Anschließend bat uns der Kursleiter um positives Feedback. Ich bin jemand, der immer und überall das Positive sucht und mit Leichtigkeit findet. Bei anderen fiel mir auf, dass sie kaum positives Feedback ohne ein "aber" geben konnten: unter Hinweis darauf, was hätte besser sein können. Mit dem Zusatz, das solle keine Kritik sein.

Warum fällt es uns sowohl schwer, einfach nur ehrlich zu loben, als auch angemessen zu kritisieren, ohne uns dafür zu entschuldigen? Meine Hypothese ist, dass wir ein Leben lang mehr kritisiert werden - denken Sie nur einmal an die Schule - und uns dies in den Knochen steckt. Vielleicht wird deshalb Kritik tendenziell als unangenehm empfunden.

Bestimmt kennen Sie zahlreiche Situationen, egal, ob das 360-Grad-Feedback von Ihren Mitarbeitern, das Jahresgespräch, Internetbewertungen oder gut gemeinter - unerbetener - Rat von Dritten, die ein unbehagliches Gefühl hinterlassen. Lassen Sie mich mit Ihnen gemeinsam drei beispielhafte, selbst erlebte Situationen betrachten.

Positivität ist nicht, wie eine Geschichte beginnt, sondern wie sie ausgeht

Mir ist es wichtig, mein Wissen auf dem aktuellen Stand zu halten und mich mit Kollegen auszutauschen. Deshalb war der Entschluss, am internationalen Kongress teilzunehmen und zu referieren, schnell gefasst. Am Nachmittag des ersten Tages war das Thema Wohlbefinden aufgerufen. Als zweite Referentin sprach ich über meine Vortragsarbeit in Unternehmen.

Nach dem Vortrag meldete sich eine Professorin aus Kroatien zu Wort. Sie ging direkt zum Angriff über und monierte, dass meine praktische Arbeit hier nichts zu suchen habe, ich ein Studienergebnis falsch zitiere und kein Interesse an Forschungsarbeit hätte. Ich war völlig perplex und erschrocken. Öffentlich kritisiert zu werden und dann noch so aggressiv, ist unangenehm. Eine Richtigstellung war nicht möglich. Die Professorin fuhr fort, ihre Vorwürfe zu wiederholen. Wenn jemand derart in Rage ist, sind Argumente nutzlos.

Grundsätzlich habe ich immer so viel Freude bei einem Vortrag, dass dies ein guter emotionaler Schutzschild ist. Doch auch negative Gefühle wie Ärger und Verunsicherung geben uns wertvolle Hinweise. Deshalb gilt es, sie nicht zu verdrängen, sondern sinnvoll zu nutzen. Ich dachte im Anschluss an die Begebenheit über zwei Dinge nach, die ich auch Ihnen empfehle:

1. Habe ich mein Bestes getan?

2. Was kann ich lernen?

Ja, ich hatte mein Bestes getan. Allerdings fand ich den Kongress tatsächlich zu theorielastig. Wir strahlen unbewusst immer aus, was wir denken und fühlen. Zu lernen gab es einiges: Ich hätte bei meiner Kongressbewerbung einmal mehr darüber nachdenken können, was das Format "oral presentation" bedeutet und ob es zu mir passt, anstatt blind dem Veranstalter zu vertrauen. Besonders ernst nahm ich den Hinweis meiner Kritikerin, dass die Glücksformel 3 : 1 von positiven zu negativen Emotionen für ein gesundes und glückliches Leben von der Forscherin Barbara Fredrickson widerrufen worden war. Ich begann sofort mit der Recherche und fragte außerdem Kollegen. Am Ende stellte sich heraus, dass diese Richtlinie immer wieder in Frage gestellt wird, aber noch als eine Art Minimum gilt. Ich hatte also mein Wissen aktualisiert.

Diese Überlegungen hätten schon für den positiven Ausgang einer unangenehmen Geschichte gereicht. Doch es kam noch besser. Positive Resonanz als Verbundenheit von Menschen, die miteinander positive Emotionen teilen, war eines der Hauptthemen des Kongresses. Sie muss nicht gelernt werden, sondern geschieht automatisch. Wenn wir uns auf jemanden einstellen, etwas Positives für andere tun, ein Lächeln verschenken und erwidern oder Mitgefühl zeigen. Dies durfte ich erleben. Denn mindestens fünf Kollegen sprachen mich freundlich an, um sich zu bedanken, mir zu sagen, wie wichtig gerade mein Praxisvortrag war, wie ihnen die Art der Präsentation gefallen hat oder dass sie mit mir in Kontakt bleiben wollen. Ich habe konkret erfahren, dass das Ende meiner Geschichte sich zum Positiven wendete. Geschenkt bekommen habe ich die Reaktion meiner Kollegen aus aller Welt. Selbst gesteuert habe ich die Lernerfahrung. Mindestens das können wir jederzeit selbst in die Hand nehmen.

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