12.06.2018 
Wie man Stellenanzeigen richtig liest

Was bedeutet "dynamisch"? Und was ist ein "attraktives Gehalt"?

Attraktivität liegt im Auge des Betrachters - ein Hinweis auf viel Geld ist ein solches Versprechen daher nicht unbedingt.
Andrea Warnecke/dpa-tmn
Attraktivität liegt im Auge des Betrachters - ein Hinweis auf viel Geld ist ein solches Versprechen daher nicht unbedingt.

Was ist bitte ein "dynamisches Unternehmen"? Und wie alt ist ein "junges Team"? Auch wenn diese Floskeln nebulös klingen: Sie verraten recht viel über den ausgeschriebenen Job.

Dass in Arbeitszeugnissen verschlüsselte Botschaften stecken, gehört zum Allgemeinwissen - schließlich darf hier nichts explizit Negatives stehen. Baukasten-Formulierungen gibt es aber auch in Stellenanzeigen. Steckt dahinter eine ähnliche Geheimsprache wie im Zeugnis?

"Nein", sagt der Karriereberater Christoph Burger. "Einen Code wie bei Zeugnissen gibt es in Stellenanzeigen nicht." Die Formulierungen in Zeugnissen seien durch Gerichtsentscheidungen geprägt und haben sich über Jahre hinweg entwickelt. Das sei bei Inseraten für freie Jobs nicht der Fall. "Allerdings kann man auch bei Stellenanzeigen zwischen den Zeilen lesen."

"Es gibt Anzeigen, die transportieren direkt ein Gesamtbild, das ist natürlich perfekt", sagt der Karriereberater. Erwarten dürfen Jobsucher zudem, dass die Anzeige dem annoncierten Job entspricht: Für eine Aushilfskraft reicht eine kleine Anzeige, bei Vollzeitjobs mit Verantwortung braucht es mehr Informationen - eine große Firma wird ihren neuen Personalmanager oder Bereichsleiter nicht per Mini-Fünfzeiler suchen.

Das richtige Maß an Informationen, ein guter Gesamteindruck vom Unternehmen - klingt erstmal nicht besonders schwierig, oder? Ist es aber doch: "Eine perfekte Stellenanzeige zu verfassen, ist eine hohe Kunst", sagt Katharina Herrmann vom Bundesverband der Personalmanager (BPM). Im Idealfall hat ein Unternehmen die Stellenausschreibung als Anlass für eine kleine Strategie-Analyse genommen. "Das Team sollte reflektieren: Welche Kompetenzen und Fähigkeiten brauchen wir genau?", sagt Herrmann. Und Bewerber sehen dann bestenfalls gleich, ob ein Job zu ihnen passt.

Profi-Tipps für die Bewerbung: So überzeugt Ihr LebenslaufWarum enthalten so viele Stellenanzeigen dann trotzdem die ewig gleichen Floskeln? Die Gründe dafür sind so vielfältig wie die Unternehmen selbst, sagt Claudia Bibo vom Karriereportal Monster. Manche möchten vielleicht einen Weg finden, vor allem Frauen anzusprechen, ohne gegen das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) zu verstoßen. "Andere haben die klassischen Formulierungen als Personaler vor Jahren gelernt und setzen sie heute noch ein." Und einige orientierten sich beim Texten der Stellenanzeigen an schon vorhandenen Beispielen.

Dabei sind die feinen Nuancen eigentlich wichtig: So unterscheidet sich ein "attraktives Gehalt" von einem "überdurchschnittlichen Gehalt", erklärt Bibo. Denn Attraktivität liegt im Auge des Betrachters. Nur die Formel "überdurchschnittlich" stellt tatsächlich einen besonders hohen Lohn in Aussicht.

Eine unglücklich oder unverständlich formulierte Stellenanzeige bedeutet allerdings nicht, dass der angebotene Job nichts taugt. Bei Fragen rund um die Stellenausschreibung sollten sich Interessierte direkt an den potenziellen Arbeitgeber wenden, rät Christoph Burger. Denn selten beantworten die Anzeigen alle Fragen eines Bewerbers. "Was bedeutet "Teilzeit" zum Beispiel konkret?", so der Karriereberater. Das lasse sich am besten direkt per Telefon klären.

Manche Formulierungen seien auch einfach zweideutig - ein Code steckt da nicht unbedingt hinter. "Dynamisches Unternehmen" zum Beispiel, sagt Burger. "Das kann einerseits heißen, dass das Unternehmen schnell wächst und man viele Aufstiegsmöglichkeiten hat, aber andererseits auch chaotische Zustände beschönigen." Im Zweifelsfall lohnt sich bei solchen Floskeln eine Recherche, auf Bewertungsportalen im Netz zum Beispiel.

Eine weitere Formulierung, bei der Bewerber stutzen sollten, ist die "ab sofort" zu besetzende Stelle. "Dann ist die Frage, ob dem Vorgänger vielleicht fristlos gekündigt wurde - und warum", sagt Burger. Anderes, was zunächst widersinnig erscheint, kann ein wertvoller Hinweis auf den Job sei: Wenn in einer Anzeige für einen Kraftfahrer beispielsweise "positives Auftreten" gewünscht ist, müssen Bewerber vermutlich mit Kundenkontakt rechnen. Burger rät aber davon ab, jede Floskel gleich überzuinterpretieren: "Gerade bei renommierten Unternehmen ist es nicht nötig, deren Stellenanzeigen auseinanderzunehmen."

Außerdem sollte man die Anforderungen einer Anzeige nicht zum Dogma der Bewerbung machen. Wer seine Traumstelle gefunden hat, sollte sich bewerben - auch wenn er nicht alle Anforderungen erfüllt. "Natürlich hätten Unternehmen am allerliebsten genau das, was sie in die Anzeige schreiben", sagt Katharina Herrmann. Oft gebe es diesen perfekten Bewerber aber gar nicht. Sie rät deshalb: "Wer einen Job unbedingt will und 60 Prozent der Anforderungen erfüllt, sollte sich dennoch bewerben."

Pauline Sickmann, dpa/mh

Mehr zum Thema