09.02.2018  Gabor Steingarts Rauswurf beim Handelsblatt

"Handelsblatt": Chefredakteure jammern über Verlust ihres Herausgebers

Gabor Steingart
imago/Metodi Popow
Gabor Steingart

Der Abgang von Herausgeber und Geschäftsführer Gabor Steingart hat die Düsseldorfer Verlagsgruppe Handelsblatt ("Handelsblatt", "Wirtschaftswoche", "Meedia") nach Angaben seiner wichtigsten Chefredakteure in einen Schockzustand versetzt: Nachdem Der SPIEGEL am Donnerstag über den bevorstehenden Rauswurf des 55-Jährigen bei der Wirtschaftszeitung berichtet hatte, wurden auch die Chefredakteure und Geschäftsführer von Manager Oliver Finsterwalder über die Personalie informiert.

Am Freitag schrieben die Chefredakteure und Geschäftsführer der Verlagsgruppe einen Brief an Verleger Dieter von Holtzbrinck, in dem sie sich "schockiert und fassungslos" zeigen und Kritik am Vorgehen äußern. Der Brief ist unter anderem von Handelsblatt-Chefredakteur Sven Afhüppe, Wirtschaftswoche-Chef Beat Balzli und Wirtschaftswoche-Herausgeberin Miriam Meckel unterzeichnet.

Holtzbrinck habe die sofortige Trennung von Steingart mit dessen Äußerungen zu Martin Schulz im Morning Briefing begründet. "Dies ist aus unserer Sicht ein verheerendes Signal an die Redaktionen und das gesamte Haus: die Bestrafung für eine - wenngleich unbequeme - Meinung ist die sofortige Entlassung." Die Entscheidung, auf diese Weise Steingart zu entlassen, sende "weitere massive Schockwellen in die Handelsblatt Media Group, über die wir uns große Sorgen machen".

Anlass für die Ablösung von Steingart war ein Text über Martin Schulz, in dem der Journalist von einem "perfekten Mord" schrieb. Am Mittwoch hatte er in seinem "Morning Briefing" unter anderem geschrieben, der "mittlerweile ungeliebte" Schulz wolle "den derzeit beliebtesten SPD-Politiker, Außenminister Sigmar Gabriel, zur Strecke bringen".

Holtzbrinck hatte den damaligen Chefredakteur Steingart im Jahr 2013 unter anderem zum Miteigner der Handelsblatt-Gruppe gemacht, die zur Dieter von Holtzbrinck Medien GmbH (DvH Medien) gehört. Vor allem bei der Umgestaltung des "Handelsblatts" von einem klassischen Wirtschaftsmedium zu einer Mischung aus Veranstaltungsorganisation mit enger Kooperation mit Unternehmen, Publikation und Verein hatte der gebürtige Berliner bis zuletzt große Freiheit erhalten.

In Pressemitteilung schreibt die DvH Medien GmBH von "Differenzen in wesentlichen gesellschaftsrechtlichen Fragen" und einer "unterschiedlichen Beurteilung journalistischer Standards" in einem Einzelfall.

Das Verlagshaus sehen die journalistischen Führungskräfte nach der Personalentscheidung im Chaos. "Nach unserem bisherigen Kenntnisstand gibt es bislang keine Nachfolge- und Übergangsregelungen, was die Geschäfts- und Redaktionsführung vor erhebliche Probleme stellt und das ganze Haus in unsicheres Fahrwasser bringt." Mit alledem sei "ein mehrfacher nachhaltiger Reputationsschaden für das Unternehmen und alle beteiligten Personen verbunden."

Das Führungsteam der Verlagsgruppe sei "erschüttert und enttäuscht". Die Entscheidung über die Trennung von Steingart "trifft uns alle völlig unvorbereitet. Sie signalisiert, dass wir über die Strategie nicht sicher sein können."

SPIEGEL ONLINE, soc