11.10.2018 
Warum die Rede von der Selbstbestimmung in die Irre führt

Die Entscheidung liegt bei Dir! - Was nun?

Von Rebekka Reinhard und Stephanie Schorp

2. Teil: Unser Gehirn nimmt den schnellsten Weg mit dem geringsten Aufwand

Dass die gefühlte Beschleunigung der Welt immer heftiger wird, dass wir alle anscheinend immer weniger Zeit haben, den Wandel zu verdauen, ist nur die halbe Wahrheit. Entscheidungen sind grundsätzlich wenig rational und häufig fehleranfällig. Von "Selbstbestimmtheit" keine Spur. Um zwischen den wichtigen Alternativen unseres Lebens souverän zu wählen, täte uns die Beschäftigung mit Entscheidungstheorien, mit "schnellem", unbewusstem und "langsamem", logisch-bewusstem Denken gut (Daniel Kahnemann in seinem Buch "Schnelles Denken, langsames Denken" ).

Wenn es uns zudem gelänge, klassische Fehler zu vermeiden, die wir aufgrund von unbewusst verinnerlichten Stereotypen, vorschnellen Beurteilungen und Vorurteilen begehen, würde uns das viel Zeit und Ärger ersparen - und definitiv zu besseren Entscheidungen führen. Hier könnte auch die Auseinandersetzung mit unserer Persönlichkeitsdisposition (der Frage, ob wir eher dem "risikoaffinen" oder "Risiko aversiven" Typus zuneigen) weiterhelfen. Auf dem herkömmlichen Bildungsweg lernen wir darüber leider wenig.

Wir sollten uns vor Augen führen, dass unser Gehirn erst mal immer den schnellsten Weg mit dem geringsten Aufwand nimmt. Je sicherer wir uns in einer Sache sind, umso schneller nutzen wir unsere Intuition, die berühmten Daumenregeln; wir schließen von einem für uns hervorstechenden Merkmal einer Person auf weitere Persönlichkeitsmerkmale ("Halo-Effekt"); wir nutzen munter so genannte "Substitutionen".

Ebenfalls von Rebecca Reinhard: Manipulier mich!

Das heißt, wir ersetzen Fragen, die wir auf Basis unseres aktuellen Wissenstandes nicht beantworten können, durch eine Frage, die wir meinen, beantworten zu können. Aus der Frage: 'Kann dieser Mann aufgrund seiner Kompetenzen und Erfahrungen den Konzern vor weiterem Unheil bewahren und positive, neue Dinge anstoßen?', machen wir: 'Sieht dieser Mann so aus, als könnte er den Konzern vom Absturz retten?' Die Antworten darauf sind dann ähnlich subjektiv und wenig nachvollziehbar. Hinzu kommt, dass die meisten Menschen jegliche Statistiken und Wahrscheinlichkeitsrechnungen aus verlässlichen Quellen vernachlässigen.

So wissen wir statistisch sehr genau, dass insgesamt mehr Menschen an Herzinfarkten sterben als aufgrund von Autounfällen. Dennoch schätzen die meisten Menschen die Eintrittswahrscheinlichkeiten von Autounfällen viel höher ein, da ihnen diese durch die mediale Berichterstattung präsenter sind. Ein weiteres Problem besteht darin, dass unser Gehirn negative Informationen wesentlich nachhaltiger als positive verankert. Kein Wunder also, dass wir so häufig zu falschen Urteilen und folglich falschen Entscheidungen kommen.

Auch so genannten Expertenurteilen kann man nicht immer trauen. Ist man selbst ausgewiesener Experte auf einem Gebiet, sollte man sein implizites Wissen und seine Intuition benutzen und schnell entscheiden - statt lange über sein Expertenurteil nachzudenken. Während die Urteile von Novizen auf einem Gebiet durch Nachdenken besser werden, werden sie bei Experten auf diesem Gebiet nämlich schlechter. Neurophysiologische Befunde zeigen zudem den Zusammenhang zwischen Gemütszustand und Entscheidungsgüte. Vereinfacht gesagt, je angespannter und schlechter der Gemütszustand, umso schlechter die Entscheidungen. (Andererseits können Ärzte oder Feuerwehrleute in Extremsituationen sehr wohl und schnell die richtigen Entscheidungen treffen; hier greift dann wieder die jahrelange Expertise und Routine.

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