20.04.2017  Karriere - zwei Drittel zählen sich zum besten Viertel

Warum Selbstüberschätzung super ist

Von Leon Windscheid
AFP

2. Teil: Überschätzung ist ein essenzieller Bestandteil von Erfolg

Jetzt also die Lösungen. Die Astronauten auf der ISS rasen mit 27.700 Kilometern in der Stunde durch den Kosmos. Die Titanic brachte stolze 52.310 Tonnen auf die Waage und die Internet Community Gimps hat kürzlich, nach drei Jahren Suche, die neue größte Primzahl mit 22,3 Millionen Stellen bekannt gegeben. Und? Lagen alle drei Werte in den von Ihnen vorgeschlagenen Bereichen?

Bei den meisten Menschen tun sie das nicht. Warum nicht? Schließlich gab es keinerlei Restriktionen. Für die Titanic zum Beispiel wäre ein Bereich von einem Pfund bis 22,3 Millionen Tonnen vollkommen zulässig gewesen. Mit diesem Bereich wäre die Chance, richtig zu liegen, extrem hoch gewesen.

Doch so ticken wir nicht. Im Glauben an ihre Allwissenheit zäumen die meisten das Pferd von hinten auf. Wir versuchen uns der Angelegenheit mit gefährlichem Halbwissen und irgendwelchen Vergleichswerten so zu nähern, dass wir am Ende eine ungefähre Schätzung für das tatsächliche Gewicht der Titanic haben. Dabei überbewerten wir unsere Fähigkeiten, unser Wissen, unser Denkvermögen.

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Warum ist die Vermessenheitsverzerrung ein so stabiler Befund? Man könnte doch meinen, dass sie im Laufe der Zeit evolutionär aussterben müsste. Aber das ist scheinbar nicht der Fall. In einer kürzlich in Nature veröffentlichten Studie präsentieren die Forscher Dominic Johnson und James Fowler eine einfache Antwort auf diese Frage: Überschätzung ist in ganz vielen Bereichen essenzieller Bestandteil von Erfolg.

Ob Leistungen im Job, mentale Gesundheit, Sport oder unternehmerisches Geschick - nicht das Selbstvertrauen macht uns stark, sondern das Über-Selbstvertrauen. Die feste Überzeugung, besser zu sein, als man tatsächlich ist, ist Ansporn für unsere Ambitionen, unser Durchhaltevermögen, unsere Arbeitsmoral.

Das erhöht am Ende die Wahrscheinlichkeit, erfolgreich zu sein. Dem gegenüber steht das Risiko der vollkommenen Selbstüberschätzung, einer ungesund hohen Erwartungshaltung und gefährlich überheblicher Entscheidungen.

Wer nicht glaubt, gewinnen zu können, hat schon verloren

Diesen scheinbaren Widerspruch konnten Johnson und Fowler auflösen. Die Vermessenheitsverzerrung kann die perfekte Strategie sein. Auf die Situation kommt es an. Gesund ist Selbstüberschätzung in genau drei Situationen. Erstens im Wettbewerb. Glaube versetzt Berge. Wer nicht daran glaubt, gewinnen zu können, hat schon verloren.

Zweitens, wenn Unklarheit herrscht. Ob Löwe eins Anspruch auf den gefundenen Gnu-Kadaver erhebt, hängt davon ab, wie gut er seine Chancen im Kampf gegen Löwe zwei einschätzt, der bereits das halbe Hinterbein verschlungen hat. Wenn Löwe zwei noch jung ist, ist die Sache klar. Der Jüngere wird vermutlich schnell die Flucht ergreifen.

Im wahren Leben sind die Umstände aber oft weniger eindeutig. Je größer die Unsicherheit, was die Fähigkeiten eines Opponenten betrifft, desto besser fährt es sich mit der Vermessenheitsverzerrung, also dem ungebrochenen Glauben an die eigenen Fähigkeiten. Drittens - und das ist am wichtigsten - ist die Vermessenheitsverzerrung dann die richtige Taktik, wenn die negativen Folgen eines Scheiterns und die positiven Folgen eines Erfolgs nicht gleich schwer ins Gewicht fallen.

Stellen Sie sich vor, Sie sind seit Monaten Single. Jetzt gehen Sie mit Ihren besten Freunden zum Feiern in einen Club. Bereits beim Betreten des Ladens erblicken Sie eine wunderschöne Frau (oder einen Mann, je nachdem, was Sie suchen) in der Schlange vor der Garderobe. Sprechen Sie sie an? Genau jetzt ist ein gesundes Übermaß an Selbstvertrauen richtig.

Denn Sie haben nichts zu verlieren. Wenn Sie einen Korb bekommen, lachen Ihre Freunde Sie vielleicht aus. Aber kein Problem. Mit Ihrem aufgeblähten Ego stehen Sie darüber und sprechen gleich die Nächste an. Vielleicht klappt es aber schon beim ersten Anlauf. Der positive Effekt eines Erfolgs ist hier viel größer als der negative Effekt eines Misserfolgs. Und Selbstvertrauen schadet dabei sicher nicht!

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