19.04.2017  Führen im digitalen Zeitalter

Wenn die Angst zur Skrupellosigkeit mutiert

Eine Meinungsmache von Heiner Thorborg
Auf die Digitalisierung und ihre damit einhergehenden Umbrüche reagieren viele Führungskräfte falsch
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Auf die Digitalisierung und ihre damit einhergehenden Umbrüche reagieren viele Führungskräfte falsch

2. Teil: Viele Nachwuchskräfte halten Korruption für gerechtfertigt

Das digitale Zeitalter wäre daher eine Chance für eine neue Generation an Führungskräften, die auf das setzt, was Maschinen nicht leisten können: Kritische Selbstreflektion, Urteilskraft, Empathie, Humor und Optimismus. Schließlich ist Technologie für viele Betroffene in den vom digitalen Wandel betroffenen Branchen beides: Inspiration und Bedrohung.

In Zeiten, in denen Medien selber keine Inhalte produzieren (Facebook ), Beförderungsunternehmen keine Autos haben (Uber), Banken kein Geld investieren (SocietyOne) oder Hotellerie ohne Hotels auskommt (Airbnb), ziehen viele nur den Verteidigungswall hoch.

Wenn laut einer Studie von Ernst & Young knapp jeder vierte befragte deutsche Manager für das eigene berufliche Fortkommen bereit wäre, Externe oder auch das eigene Management zu täuschen oder einfach weg zu schauen, wenn Kunden, Lieferanten oder das eigene Team sich ethisch bedenklich verhalten, weist das für mich weniger auf eine moralische Krise hin, sondern auf Angst. Viele finden offensichtlich: Wenn es ums eigene berufliche Überleben geht, ist selbst Betrug am Ende nur Notwehr.

Drei Viertel der Nachwuchskräfte halten Korruption für gerechtfertigt

Wenn es kritisch wird, sind laut der E&Y-Befragung gerade die Jungen besonders skrupellos: Unter den 25- bis 34-Jährigen weltweit halten ganze drei Viertel unethisches Verhalten wie Korruption für gerechtfertigt, um ein Unternehmen über einen Wirtschaftsabschwung zu retten. Wenn das keine Führungskrise ist, weiß ich nicht, was eine ist.

Nun kann man angesichts von Abgasskandal, Insidertrading und dem nicht abreißenden Ärger bei den Banken sagen: Kein Wunder, die Alten leben den Jungen ja auch nichts Anderes vor. Die diffusen Ängste der potentiellen Digitalisierungs-Verlierer helfen nicht gerade, die Situation zu entschärfen.

An allen Ecken und Enden werden Führungskräfte mit überlegenem technischen Wissen gesucht, dabei wäre es dringend an der Zeit, weniger über Technologie und mehr über nachhaltige Führungsmodelle nachzudenken. Die Digitalisierung läuft bereits, die Frage ist doch vielmehr: Wer fängt sie wieder ein?

Heiner Thorborg ist Personalberater und Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.

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