14.04.2017  Zusammen sind wir ein paar weniger

Wie soziales Faulenzen ganze Teams lahmlegen kann

Von Leon Windscheid
Getty Images

Buchtipp

Leon Windscheid
Das Geheimnis der Psyche: Wie man bei Günther Jauch eine Million gewinnt und andere Wege, die Nerven zu behalten


Ariston, 3/2017, 288 Seiten, 19,99 Euro

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Der folgende Text ist ein Auszug aus dem Buch "Das Geheimnis der Psyche" von Leon Windscheid, in dem der Autor die Mechanismen analysiert, die unser Handeln oft unbewusst bestimmen. Der 29-jährige Psychologe hatte bereits als Schüler sein erstes Unternehmen gegründet. 2015 gewann er in Günther Jauchs Fernsehshow "Wer wird Millionär" eine Million - und führt das auf seine Überzeugung zurück, dass man mit dem richtigen Training (fast) alles erreichen kann. Seinen Text über falschen Umgang mit Kosten finden Sie hier- und hier den über die Kunst des richtigen Verhandelns mit Dönerkönigen und Autohändlern.

Teamarbeit. Bäh. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich kann es nicht mehr hören. Egal, wo man sich bewirbt, kommt irgendwann die Frage nach der eigenen Teamfähigkeit. "Beschreiben Sie uns doch einmal eine besondere Herausforderung, die Sie im Team gelöst haben."

Wenn Sie diesen Satz in einem Bewerbungsgespräch zu hören bekommen, sind Sie gut beraten, schon beim Wort "Team" ein Glänzen in Ihre Augen zu zaubern. Voller Begeisterung sollte Ihre Antwort in etwa wie folgt beginnen: "Oh, da gibt es ganz viele. Besonders positiv ist mir in Erinnerung geblieben, wie …" Hängen Sie jetzt die Beschreibung einer vollkommen beliebigen Teamsituation an.

Dabei betonen Sie, dass Sie nur durch das erfolgreiche Zusammenarbeiten mit den anderen die beste Lösung erreichen konnten und Sie genau hierin den Mehrwert von Teamwork sehen. Vielleicht merken Sie noch an, dass Sie sich als echten Teamplayer empfinden und gerne mit anderen an einem Strang ziehen. Aus eigener Erfahrung verspreche ich Ihnen, dass - wenn Sie im weiteren Verlauf des Gesprächs nicht nur noch Bockmist verzapfen - Sie Ihren Traumjob schon so gut wie in der Tasche haben.

Teamarbeit ist modern und wichtig. Sagen alle, machen alle und dann muss es doch auch stimmen. Dass Teamwork zwingend zu größerer Effizienz, Kreativität und Leistung führt, ist aber in etwa eine so fundierte Aussage wie dass Zahnpasta Pickel verschwinden lässt. Manchmal sind Teams toll und genau das Richtige. Manchmal verschwinden aber auch in Elmex getränkte Eiterpocken aus Teenie-Gesichtern.

Wenn alle teamen - aber nur einer "wörkt"

Schlecht organisierte Teamarbeit kann zum regelrechten Leistungskiller werden. Besonders dann, wenn zwar alle "teamen", aber nur einer "wörkt". Die Idee, die vier Buchstaben T-E-A-M in "Toll, ein anderer macht's!" zu übersetzen, bezeichnen wir Psychologen als social loafing, zu Deutsch also soziales Faulenzen.

Das erste Experiment hierzu wurde von dem französischen Agraringenieur Maximilien Ringelmann durchgeführt. Ringelmann untersuchte Ende des 19. Jahrhunderts die Effizienz von allem, was in der Landwirtschaft Arbeit verrichtete. Also Ochsen, Pferde, Menschen und Maschinen.

Uns interessieren die Menschen. Für seinen berühmten Versuch ließ Ringelmann eine Gruppe junger Männer antreten, um an einem Tau zu ziehen. Dabei maß der Franzose, wie viele Kilo die Männer ziehen konnten, als Größe für Effizienz. Ein Einzelner schaffte im Schnitt stolze 85 Kilo. Sieben zusammen 455 Kilo. Umgerechnet also nur 65 Kilo pro Person.

Damit leisteten die Tauzieher in der Gruppe fast ein Viertel weniger als alleine. Statt Steigerung also ordentliche Leistungsverluste. Zusammen an einem Strang ziehen? Pustekuchen! Ringelmanns Experiment wies Schwächen auf. Beim gemeinsamen Ziehen an einem Seil tritt man sich zum Beispiel gegenseitig auf die Füße oder hat einen schlechteren Stand und kann dadurch weniger leisten.

Trotzdem stieß Ringelmanns Tauziehen eine Reihe von weiteren Versuchen an, die das soziale Faulenzen sicher belegen. Findige Forscher aus den USA statteten Probanden zum Beispiel mit Augenbinden aus und ließen sie im Glauben, Teil einer Gruppe zu sein. Diese Probanden erfüllten ihre Aufgabe weit schlechter als solche, die alleine waren.

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