15.08.2015  Unternehmensführung

The Conductor's Perspective - was Manager von Dirigenten lernen können

Von
Dirigent Raphael von Hoensbroech: Workshop in der Alten Oper Frankfurt, gemeinsam mit der Jungen Deutschen Philharmonie
Achim Reissner
Dirigent Raphael von Hoensbroech: Workshop in der Alten Oper Frankfurt, gemeinsam mit der Jungen Deutschen Philharmonie

manager-magazin.de: Herr von Hoensbroech, Sie ziehen in Ihren Seminaren Analogien zwischen der Unternehmensführung und dem Leiten eines Orchesters. Was tun Sie, wenn Ihnen ein Unternehmen komplett unmusikalische Manager ins Training schickt?

Raphael von Hoensbroech: Darüber freue ich mich. Die Teilnehmer müssen selbst kein Instrument spielen und erst recht noch nicht am Dirigentenpult gestanden haben.

mm.de: Aber verstehen die Manager denn überhaupt, worüber Sie als ausgebildeter Dirigent reden?

Hoensbroech: Wir sprechen miteinander über Menschenführung, nicht über Musiktheorie oder Werkanalyse. Es geht um universale Erfahrungen aus zwei unterschiedlichen Welten.

mm.de: Wirtschaftsführer verstecken sich gern hinter Ratio und Fachwissen. Wie reagieren sie, wenn Sie ihnen plötzlich einen Taktstock in die Hand drücken?

Hoensbroech: Wir steigen sanft ein. Ich bitte die Führungskräfte, sich zunächst einmal passiv in die Szene zu wagen und sich einen Platz zwischen den Orchestergruppen zu suchen. Das unmittelbare Klangerlebnis, das man im Zuschauerraum so nicht hat, zieht die Teilnehmer verlässlich in den Bann. Sie erleben hautnah mit, wie sich das Verhalten des Dirigenten auf die Arbeit der Musiker auswirkt. Und weil diese Lernerfahrung emotional erlebbar wird, wird sie im Hirn stärker verankert, wie die Neurowissenschaft weiß.

Der Macher
Raphael von Hoensbroech (38) wandelt zwischen den Welten der Kunst und des Kommerzes: Er ist promovierter Musikwissenschaftler, Geiger und Dirigent und hat als Principal bei der Boston Consulting Group etliche Großunternehmen beraten. Seit 2012 verantwortet er als Geschäftsführender Direktor die kaufmännische Leitung des Konzerthauses Berlin am Gendarmenmarkt.
Das Seminar
In seinem Seminar "The Conductor’s Perspective" vermittelt von Hoensbroech einen neuen Blick auf das Thema Führung im Unternehmensalltag, in dem er die Parallelen zur Leitung eines Orchesters sichtbar macht. Die Teilnehmer werden zwischen Orchestermusikern platziert und erleben die Interaktion des Dirigenten mit den Musikern hautnah mit. Das Seminar ist bislang nur als Firmen-Workshop buchbar.
mm.de: Es bleibt mehr hängen?

Hoensbroech: Genau. Ich habe viele Managementtrainings erlebt, die Führungsthemen rein rational vermitteln wollten. Am Ende hieß es dann immer: Wenn Sie ein, zwei Dinge in Ihren Alltag übertragen können, sind Sie gut. Ich fand das unbefriedigend: Man muss es doch irgendwie schaffen, emotionale Bilder zu vermitteln, die abrufbar bleiben.

mm.de: Es geht um Aha-Effekte.

Hoensbroech: Wir reflektieren, was Führen eigentlich bedeutet. Der Dirigent ist der einzige auf der Bühne, der keinen Ton selbst spielt. Aber er hat zwischen 30 und 120 Experten vor sich sitzen, die alle etwas können, was er nicht kann, da der Dirigent kaum eins der benötigten Instrumente selbst beherrscht. Schon das ist eine wichtige Erkenntnis für viele.

mm.de: Wie machen Sie das sichtbar?

Hoensbroech: Die Musiker sind alle Multitasker und hocheffizient in ihrem Tun. Wenn ich relativ am Anfang des Workshops das Pult unangekündigt verlasse, übernimmt nach einer kurzen Schrecksekunde der Konzertmeister die Führung und das Orchester bringt das Stück auch ohne mich zu Ende.

Raphael von Hoensbroech mit Seminarteilnehmer beim Workshop in der Alten Oper Frankfurt, gemeinsam mit der Jungen Deutschen Philharmonie
Achim Reissner
Raphael von Hoensbroech mit Seminarteilnehmer beim Workshop in der Alten Oper Frankfurt, gemeinsam mit der Jungen Deutschen Philharmonie
mm.de: Heißt das, dass es gar nicht unbedingt einen Dirigenten braucht?

Hoensbroech: Es braucht ihn jedenfalls nicht, damit er dem Flötisten die Klappen drückt oder dem Geiger die Geige hält.

mm.de: Also, erste Erkenntnis für die Manager-Teilnehmer: Ich muss nicht alles können, was mein Team kann, und kann trotzdem Chef im Ring sein. Und die zweite?

Hoensbroech: Wenn ich in jedes Detail hinein führe, nehme ich meinem Team die Kraft.

mm.de: Sie meinen den Micromanager, eine gefürchtete Spezies in jedem Unternehmen ...

Hoensbroech: Ganz schlimm. Ich spiele das in den Seminaren durch. Die Musiker kennen mich ja nicht, ich suche mir für jeden Workshop ein neues Orchester. Wir sprechen vorher nichts ab. Ich beginne also, einzelnen Instrumenten Vorgaben für nahezu jede Note zu machen. Danach frage ich sie: "Was passiert, wenn ich Sie 30 Minuten so führe?" Spontane Antwort immer: "Ich halte das keine 30 Sekunden aus!"

mm.de: Da fühlt sich der Kontrollfreak im Teilnehmerkreis hoffentlich ertappt. Wie verhält sich denn ein Musiker, wenn er dem Kontrolleur nicht ausweichen kann?

Hoensbroech: Er spielt nur noch Noten statt Musik zu machen. Er geht innerlich auf Distanz zu seiner Aufgabe.

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