03.07.2017  Silicon-Valley-Investor nach Sexismus-Vorwürfen zurückgetreten

"Ich bin ein Ekel. Es tut mir leid"

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Frau in einem Büro in San Francisco
REUTERS
Frau in einem Büro in San Francisco

Nach Sexismus-Vorwürfen ist der CEO und Mitgründer des Tech-Investors 500 Startups zurückgetreten. In einer Erklärung entschuldigt er sich für sein Verhalten und findet drastische Worte.

In der Start-up-Branche des Silicon Valley sind Frauen nach wie vor eine Minderheit. Wie stark sie sexuellen Belästigungen von potenziellen Investoren ausgeliefert sind, hat ein Bericht der "New York Times" vom Wochenende verdeutlicht.

In dem Artikel schildern mehrere Frauen, dass mögliche Investoren oft mehr an privaten Kontakten interessiert waren als an Geschäftsbeziehungen. Die sexuellen Belästigungen reichten von unangemessenen Nachrichten auf Facebook bis zu körperlichen Übergriffen wie grapschen und küssen.

Einer der in dem Bericht beschuldigten Investoren, der Mitgründer des Inkubators 500 Startups Dave McClure, ist wegen der Vorwürfe der sexuellen Belästigung von seinem Posten als CEO zurückgetreten. In einem offenen Brief entschuldigte er sich bei den Frauen für sein Verhalten. Unter der Überschrift "Ich bin ein Ekel, es tut mir leid", schreibt McClure: "Ich möchte mich dafür entschuldigen, ein ahnungsloser, egoistischer und dreister Arsch zu sein".

"Einstellen oder anbaggern?"

Erst die öffentliche Beschuldigung habe McClure zu der Einsicht kommen lassen, dass sein Verhalten falsch war. Nach Diskussionen mit seiner Mitgründerin Christine Tsai und dem Management des Fonds habe er erkannt, dass er das Problem sei. Deshalb habe er das Tagesgeschäft von 500 Startups an Tsai übergeben. Am Montag gab er auch seinen Posten als persönlich haftender Gesellschafter auf.

McClure hatte unter anderem einer Bewerberin in einer Facebook-Nachricht geschrieben, er sei durcheinandergeraten, ob er sie einstellen oder anbaggern solle. In seiner Entschuldigung erwähnte McClure noch weitere Fälle, in denen er sich unangemessen verhalten habe.

Noch immer sind Frauen in der Branche unterrepräsentiert. Im vergangenen Jahr hätten weibliche Gründer in den USA 1,5 Milliarden Dollar an Kapital eingesammelt, während männliche 58,2 Milliarden Dollar bekamen, schreibt die "New York Times" unter Berufung auf Zahlen der Dataanalysefirma Pitch Book.

Der Vorwurf, dass in der männerdominierten Tech-Branche des Silicon Valley der Sexismus allgegenwärtig ist, ist nicht neu. Doch Fälle wie die der Softwareentwicklerin Susan Fowler, die eine sexistische Unternehmenskultur bei Uber angeprangert hat und die Klage der ehemaligen Partnerin Ellen Pao gegen die Wagniskapitalfirma Kleiner Perkins Caufield & Byers wegen Diskriminierung rücken die Vorfälle zunehmend in die Öffentlichkeit.

Zuletzt wurden Vorwürfe gegen den Wagniskapitalgeber Justin Caldbeck von Binary Capital laut. Er soll bei verschiedenen Unternehmen über mehrere Jahre Frauen belästigt haben, schrieb der Branchendienst "The Information". Caldbeck ist inzwischen ebenfalls von seinem Posten zurückgetreten, sein Fonds Binary Capital soll abgewickelt werden. Er selbst entschuldigte sich bei Twitter.

Freiwild für Investoren

Die in der "New York Times" geschilderten Fälle geben einen Einblick in die Belästigungen, mit denen Start-up-Gründerinnen in der männerorientierten Branche oft konfrontiert sind. Auf der Suche nach Kapital für ihre Geschäftsideen scheinen die Frauen für viele potenzielle Investoren Freiwild zu sein.

Mehr als zwei Dutzend Frauen hätten der Zeitung ihre Erlebnisse geschildert, heißt es. Zehn von ihnen hätten dabei die Namen der Täter genannt, manche umfangreiches Material vorgelegt. So seien viele der Frauen, die mit der Zeitung gesprochen haben, oft ohne Erlaubnis angefasst worden.

Ein Investor habe eine Frau im Gesicht berührt, ein anderer ihr ein sexuelles Angebot gemacht. Anderen Frauen wurde vorgeschlagen, in ihren Präsentationen attraktivere Fotos zu verwenden oder zu heiraten, um an Geld zu kommen.

Ein Berater kommentierte gegenüber einer Gründerin, wie sie in einem blauen Kleid aussah und schrieb: "Weißt du, was ich denke? Warum ich dir das schicke? - privat?". Andere Männer gingen weiter und küssten und begrapschten Frauen, die bei ihnen um Kapital für ihre Geschäftsidee warben.

Gegenwehr kaum möglich

Die Gründerinnen haben wenig Chancen, sich gegen derartige unerwünschte Avancen zu wehren. Beschwerden bei den Unternehmen laufen meist ins Leere. Eine Frau, die ihre Erlebnisse mit einem Investor in einem Facebook-Post schilderte, bekam einen Anruf von einem anderen Geldgeber. Der riet ihr, den Post zu löschen - sonst würde ihr niemand im Silicon Valley mehr Geld geben.

Die Frau folgte schließlich dem Rat und entfernte den Eintrag. Auch in anderen Fällen hätten Unternehmen nicht reagiert, heißt es in dem Bericht weiter. Entweder ging das Macho-Verhalten weiter, oder die Geldgeber brachen den Kontakt ab.

Erst die Veröffentlichung der Vorwürfe scheint einen Wandel auszulösen, zumindest nach außen. Nach der Entschuldigung und dem Rücktritt von McClure und Caldbeck hat sich auch Calcbecks früherer Arbeitgeber, Lightspeed Venture Partners geäußert: "Es tut uns leid, dass wir nicht strenger reagiert haben. Es ist klar, dass wir mehr hätten tun müssen". Vielleicht lösen die Schilderungen der betroffenen Frauen und die deutlichen Worte McClures eine Trendwende im Valley aus. Es wäre höchste Zeit.

brt

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