15.04.2017  Das Fußball-Start-up San Francisco Deltas

Fußball für die Tech-Jünger

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Fußball in Sichtweite der Golden Gate Bridge: Werbebild der San Francisco Deltas
San Francisco Deltas
Fußball in Sichtweite der Golden Gate Bridge: Werbebild der San Francisco Deltas

Ein Fußball-Start-up in der Start-up-Zentrale der Welt - und das mit für die Region eher untypischen Idealen. Kann das etwas werden?

"Vor zwei Jahren waren wir eine bloße Idee", sagt Brian Andrés Helmick, "vor einem Jahr hatten wir ein Stadion, aber kein Team, keinen Trainer, keine Trikots." Heute spielen die San Francisco Deltas erfolgreich in der North American Soccer League - in der Nacht zum Sonntag tritt der zweitplatzierte Club beim Spitzenreiter Jacksonville Armada an. Die NASL ist so etwas wie die zweite US-Liga unter der Major Soccer League, in der Bastian Schweinsteiger mit Chicago Fire spielt.

Wie hat Besitzer Helmick das hinbekommen? "Die einfache Antwort ist: eine Menge Leute wollten, dass es klappt", sagt er im Skype-Interview mit manager-magazin.de. "Ich selbst spiele nur eine winzige Rolle in der Geschichte."

Der einstige IT-Unternehmer bringt ein Beispiel: Am Nachmittag vor dem allerersten Ligaspiel der Deltas hätten um halb 5 alle Tablets gestreikt, mit denen das Karten-

Brian Andrés Helmick / San Francisco Deltas / SF Deltas
Carolina Boersma
Brian Andrés Helmick / San Francisco Deltas / SF Deltas

Team um Bryant Harrison eigentlich Tickets verkaufen wollten. Der Director of Product Management habe die Software dann aus der Not heraus auf seinem eigenen Smartphone getestet - mit Erfolg. Harrison habe anschließend gemeinsam mit Box-Office-Managerin Charlotte McGeever gut 600 Eintrittskarten mit dem Privat-Handy an wartende Fans verkauft. Insgesamt waren über 4100 Menschen im Stadion.

Harrison und McGeever hätten das nicht machen müssen, sagt Helmick; sie hätten sich auch zurücklehnen und auf das Schicksal schimpfen können. Stattdessen hätten sie aber einen Alternativplan gefunden: "Sie fühlen sich für den Club verantwortlich, weil sie das Gefühl haben, dass der Club auch ihnen gehört."

#onlytogehter

Helmick und seine Mitgründer haben die Deltas unter das Motto "#onlytogether", "nur zusammen", gestellt - und beziehen sich dabei längst nicht nur auf ihre Spieler. Das Team und die nicht-sportlichen Angestellten des Clubs müssten ebenfalls zusammenarbeiten, um das Projekt zu einem Erfolg zu machen (einmal im Monat treffen sich beide Seiten zu einem Stammtisch). Die Technologie- und Medienpartner des Clubs hätten ebenso ihren Teil zum Erfolg beigetragen wie das Grünflächenamt ("Parks & Recreation") und der Bürgermeister von San Francisco.

"Ich bin zuversichtlich", sagt Helmick, "aber ich bin mir auch der Tatsache bewusst, dass wir keinen Erfolg haben werden, wenn nicht alle ihren Teil beitragen."

Mit der Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten gelte das Motto noch einmal stärker, sagt Helmick. Die Deltas hätten von vornherein ein sehr inklusives Selbstverständnis an den Tag gelegt - nun wolle man allerdings "noch einmal lauter unsere Botschaft verbreiten."

Helmick sorgt sich vor allem um die Atmosphäre. Das Geld sei aktuell nur zweitrangig: Die Fans müssten erst einmal zueinander finden und eine eigene Kultur entwickeln. Die Deltas versuchten, dies mit einem gemeinschaftsorientierten Ansatz zu unterstützen: Im Stadion gebe es nicht etwa die üblichen überteuerten Hot Dogs, sondern Food-Truck-Essen, von einer NGO organisiert; auch um die Aufräumarbeiten und das Merchandise kümmerten sich ehrenamtliche Organisationen für Jugendliche.

"Wir müssen gleichzeitig erfolgreich sein und Gutes tun", sagt Helmick ("do well and do good"). Wenn die Fans erkennen würden, dass der Club Positives für die Gemeinschaft leiste, würden sie ihn in ihr Herz schließen: "Konzentrier dich nicht zu sehr aufs Geld", sagt der in Kolumbiens Hauptstadt Bogota geborene Helmick, "dann wird das Geld schon kommen."

Wenn die Ehefrau zum Vorstellungsgespräch mitkommt

Schon bei seiner Suche nach Mit-Investoren hatte Helmick besonderen Wert auf den Charakter potenzieller Geschäftspartner gelegt und nach "netten" Menschen gesucht. Auch bei der Rekrutierung seines Cheftrainers Marc dos Santos sei das das bestimmende Motiv gewesen.

"Ich habe mich nicht mit Marcs damaligem Chef getroffen", sagt der Deltas-Boss, "sondern Marcs Frau zum Skype-Interview gebeten - und meine eigene dazugesetzt." Um herauszufinden, ob dos Santos der Richtige für die Deltas sei, habe er dessen Frau gefragt: Warum wolle sie nach San Francisco? Warum glaube sie, dass das der richtige Schritt für ihre Familie sei? Frau dos Santos scheint überzeugend geantwortet zu haben.

Aktuell sei das größte Problem des Clubs, dass ihn noch zu wenige Menschen in San Francisco kennen würden. In den ersten Jahren ruhe das finanzielle Wohl und Wehe eines neuen Clubs vor allem auf zwei Säulen, sagt Helmick: Sponsoren und Eintrittsgeldern. Bislang seien insgesamt etwas mehr als 10 Millionen Dollar in den Club investiert worden - mehrere Millionen davon für Löhne und Unterkünfte der Spieler.

Alle Heimspiele kostenlos im Internet

Spieler- und Merchandise-Verkäufe seien erst einmal kein Faktor. Auch TV-Rechte, von denen die Vereine der englischen Premier League prächtig leben, seien aktuell noch kein Thema in den USA, das Fernsehen sei für den Fußball einfach noch nicht so weit. Die Deltas übertragen alle ihre Heimspiele kostenlos bei Twitter - "wenn du eine Fan-Basis aufbauen willst, kannst du sie nicht von den Spielen aussperren."

Helmick ist sich bewusst, dass sein unkonventioneller Ansatz viele Tücken hat. "Sie werden mich entweder einen Visionär oder einen Idioten nennen", sagt er.

Allerdings könne er in einem Markt, in dem Fußball an sich noch keinen festen Stand besitze, nicht einfach etablierte Konzepte zum Bau von Fußball-Vereinen heranziehen: Wenn man mit Fernsehrechten kein Geld verdienen könne, mache es keinen Sinn, das Geschäftsmodell europäischer Clubs nachzubauen.

Die Deltas erschließen entsprechend Neuland - auch bei der Werbung: Weil das nördlich der San Francisco Bay gelegene Football-Team Oakland Raiders nach Las Vegas umgesiedelt wird, haben die Deltas beim vergangenen Heimspiel etwa günstigere Tickets für Raiders-Fans angeboten und ein Drittel der Einnahmen an die Stiftung eines Football-Spielers aus Oakland gespendet.

Insgesamt ist Helmick zufrieden, teilweise sogar euphorisch ob der bisherigen Fortschritte - etwa 700 Dauerkarten haben die Deltas mittlerweile verkauft. Siegessicher ist er allerdings keineswegs: "Ich kann immer noch total falsch liegen. Wenn wir uns in einem Jahr unterhalten, kann es sein, dass wir gescheitert sind und ich sage: Hätten wir nur diese teuren Hot Dogs verkauft!"

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