28.04.2015  Jobchancen

Kenne Deinen Wert - was uns der Fall Herbert Diess lehrt

Von Heidi Stopper
imago / Westend61

Manager verharren oft in schlecht bezahlten Jobs, die sie unglücklich machen. Dabei sollten sie herausfinden, was sie wert sind und was sie brauchen, um sagen zu können: Was ich heute tue, mache ich am liebsten.

Einen Laden wie BMW verlässt man eigentlich nicht. Schon gar nicht, wenn man es bis in den Vorstand geschafft hat. Wenn man als Einkaufschef alles bewiesen und als Entwicklungsvorstand die Weichen für die Zukunft gestellt hat. Wenn man überdies als Kronprinz galt für den Vorstandsvorsitzenden.

Und doch hat Herbert Diess, 56, im Dezember woanders unterschrieben, und zwar ausgerechnet beim scharfen Wettbewerber VW mit der Konkurrenzmarke Audi. Zu einem Konzern, dem am Markt und in Führungsfragen ungemütliche Zeiten bevorstanden - schon bevor das Zerwürfnis zwischen Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch und seinem Vorstandsvorsitzenden Martin Winterkorn öffentlich wurde.

Herbert Diess: Der Topmanager von BMW wechselte zum Konkurrenten VW - weil er seinen Wert kennt
DPA
Herbert Diess: Der Topmanager von BMW wechselte zum Konkurrenten VW - weil er seinen Wert kennt
Dort darf Diess sich ab Juli als VW-Markenvorstand einsortieren und vorher noch Kräfte sammeln: Denn die Position bei BMW war er im Dezember am selben Tag los. Ein einziger eisiger Satz war ihm in der Unternehmensmitteilung zum Abschied gegönnt.

Aus Sicht von BMW mag man Diess' Verhalten als Vertrauensbruch werten. Als Beobachter von außen denke ich: "Recht so, der Mann kennt seinen Wert". Als klar wurde, dass nicht er, sondern Harald Krüger den Vorstandschef beerben würde, hatte Diess überhaupt keinen Grund zu bleiben und sich in sein Schicksal zu fügen. Er war nicht fremdgesteuert, sondern hat seine Karriere aktiv gemanaged. Er wurde nicht weinerlich, er war vorbereitet.

Kenne Deinen Wert - das sage ich in meinen Coachings so vielen Männern und Frauen. Ich treffe so viele, die sich in misslichen Situationen befinden, die mit allen möglichen Gemeinheiten konfrontiert sind, die ihre ganze Energie dafür verbrauchen, mit einem unsäglichen Status quo zurecht zu kommen und sich so immer weiter "runterschrauben".

Denn "natürlich" liegt es an uns selbst, wenn es uns schlecht geht. So sind wir ja erzogen. Wir können es nicht, wir leisten zu wenig, Schuld sind unsere Schwächen und Defizite. Das hat man uns ja schon in der Schule beigebracht.

Heidi Stopper
Ich bringe meinen Managern bei, ihre Stärken zu definieren, das, was sie gut können, was sie unverwechselbar macht. Und dann sollen sie ihren Marktwert testen, mit einem Personalberater, einer Bewerbung, vielen Gesprächen. Und zwar nicht nur in ihrer Branche, nicht nur in derselben Position, die sie schon haben, sondern überall dort, wo ihre Stärken gesucht sind, wo ihr USP seine Wirkung entfalten kann.

Dafür muss man nicht mal unglücklich sein. Jeder sollte seinen Wert jederzeit kennen. Denn Garantien für eine lange, gar lebenslange Beschäftigung in einer Firma - die gibt es heute nicht mehr.

Ständig wird umstrukturiert, wird alles in Frage gestellt. Da sollte ich besser innerlich unabhängig sein und gut informiert über meine Möglichkeiten außerhalb des Unternehmens. Und selbst wenn ich tatsächlich längere Zeit in ein und demselben Unternehmen Karriere mache, sollte ich wissen, was mein Marktwert ist. Das macht mich selbstbewusster und Unternehmen brauchen selbstbewusste Manager, die ihre Meinung aktiv vertreten.

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