06.04.2017  Eskalation im Streit mit Arbeitnehmern

Kapital versus Arbeit: Beim Dax-Konzern Linde gerade live und in Farbe

Von SPIEGEL-Korrespondent Martin Hesse und
Wolfgang Reitzle.
Andreas Pohlmann für manager magazin
Wolfgang Reitzle.

Wolfgang Reitzle, Aufsichtsratschef von Linde und einer der erfolgreichsten deutschen Manager, steckt in der Klemme: Die Arbeitnehmer verstärken ihren Widerstand gegen seine Fusionspläne mit Praxair. Reitzle bleiben nur noch wenige Wochen.

Deutschlands mächtigste Industriegewerkschaft hat Wolfgang Reitzle als Aufsichtsratschef des Gasekonzerns Linde in Frage gestellt. Reitzles Ankündigung, die rund 60 Milliarden Euro schwere Fusion mit dem US-Konkurrenten Praxair notfalls gegen den Widerstand der Linde-Arbeitnehmervertreter durchzusetzen, "ist sehr befremdlich und besorgniserregend", sagte der Landesbezirkschef der IG Metall, Jürgen Wechsler, am Donnerstag in München der dpa. "Mit dem Kopf durch die Wand zu wollen, ist das Gegenteil von Mitbestimmung. Das sollte Herr Reitzle wissen. Wenn er dazu nicht in der Lage ist, stellt sich die Frage, ob er der Richtige für Linde ist.".

Die Erfahrung mit fehlgeschlagenen internationalen Zusammenschlüssen beweise, dass die Beschäftigten bei einer Fusion von kulturell sehr unterschiedlichen Unternehmen voll mitziehen müssten. "Dies ist bei Linde nicht gegeben", sagte Wechsler.

Auch die bayerische Wirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) und der Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium, Matthias Machnig (SPD), hatten dazu aufgefordert, den Zusammenschluss nicht gegen die Arbeitnehmer durchzusetzen. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich die sehr erfahrenen und verdienten Kapitalvertreter im Aufsichtsrat in einer solchen Situation vor den Karren von Herrn Reitzle spannen lassen", sagte Wechsler.

Am Donnerstag verdichtete sich auf einem Treffen des Kontrollgremiums die Frontstellung zwischen den sechs Vertretern der Kapitalseite und den sechs Vertretern der Arbeitnehmerseite. "Aus heutiger Sicht läuft es auf einen Showdown am 3. Mai hinaus", zitiert die Nachrichtenagentur Reuters einen Insider. Dann soll er Aufsichtsrat endgültig über das Fusionsprojekt entscheiden. Steht es dann weiterhin unentschieden, kann Reitzle als Aufsichtsratschef von seinem Doppelstimmrecht Gebrauch machen.

Neben dem verschärften Widerstand der Arbeitnehmer wird die Situation für Reitzle auch an einer zweiten Front gefährlicher. Seit Mitte dieser Woche muss der 68-Jährige ebenfalls ein Gerichtsverfahren fürchten. Reitzle steht im Verdacht, Insiderhandel betrieben zu haben. Der Star-Manager, der Linde von 2002 bis 2014 als Vorstandschef geführt hatte, war vor knapp einem Jahr als Aufsichtsratsvorsitzender zu dem Münchener Dax-Konzern zurückgekehrt und hatte Linde-Aktien gekauft. Im August wurde dann bekannt, dass Linde über eine Fusion mit dem US-Konkurrenten Praxair verhandelt.

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Die Finanzaufsicht BaFin hatte deshalb im Januar wegen Verdachts auf Insiderhandel eine formale Untersuchung des Vorgangs eingeleitet. Diese Prüfung ist nun abgeschlossen, die Ergebnisse wurden an die Wirtschaftsstrafkammer der Staatsanwaltschaft München übergeben. Die prüft nun nach Angaben einer Sprecherin, ob sie ein Ermittlungsverfahren aufnimmt. Das Ergebnis sei offen, zu den Vorwürfen gegen Linde oder einzelne Mitarbeiter des Konzerns äußerte sich die Staatsanwaltschaft nicht. "Wir prüfen, ob ein Anfangsverdacht für eine Straftat besteht", sagte Oberstaatsanwältin Hildegard Bäumler-Hösl am Donnerstag.

Die BaFin lehnte eine Stellungnahme ab. Linde erklärt Reitzles Aktienkäufe mit seiner unternehmerischen Haltung und seinem langfristigen Engagement bei Linde.

Die Finanzaufsicht bewertet Insidervorwürfe grundsätzlich nicht selbst, sondern gibt ihre Untersuchungsergebnisse an die Staatsanwaltschaft weiter. Sie tut dies jedoch nur dann, wenn es aus ihrer Sicht Anhaltspunkte für mögliche Gesetzesverstöße gibt.

Die BaFin hat außerdem analysiert, ob Linde gegen Veröffentlichungspflichten verstoßen haben könnte, weil sie im September 2016 womöglich zu spät darüber informierte, dass der damalige Vorstands- und der Finanzchef Linde verlassen werden. Anlass für die Prüfung war ein "Handelsblatt"-Interview mit Aufsichtsratschef Reitzle, in dem es um die Personalien ging. Die BaFin hatte den Verdacht, das Interview könnte schon vor der Herausgabe der Mitteilungen über die Vorstandspersonalien geführt worden sein. Auch mit dieser Frage befasst sich nun die Staatsanwaltschaft.

FürLinde und Chefkontrolleur Reitzle landet das Thema zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt bei der Staatsanwaltschaft. Die Führung des Konzerns hatte sich im Dezember grundsätzlich auf einen Zusammenschluss mit dem amerikanischen Konkurrenten Praxair geeinigt. So soll der weltweit größte Industriegasekonzern entstehen. Das Management auf beiden Seiten bewirbt den Deal als Zusammenschluss unter Gleichen.

Arbeitnehmervertreter im Linde-Aufsichtsrat fürchten jedoch, dass die Amerikaner dominieren, die deutschen Interessen zu kurz kommen und es zu einem starken Stellenabbau in Deutschland kommt. Sie hatten vergangene Woche angekündigt, geschlossen gegen die Fusion stimmen zu wollen. Reitzle hatte daraufhin erklärt, den Deal zur Not mit seinem Doppelstimmrecht im Aufsichtsrat durchboxen zu wollen - was IG-Metall-Topfunktionär Wechsler nun öffentlich attackiert. Am heutigen Donnerstag diskutiert der Aufsichtsrat erneut über das Projekt, bis zur Hauptversammlung am 10. Mai muss es eine Entscheidung geben.

Reitzle sollte in dem fusionierten Konzern die Rolle des Chairman übernehmen, in etwa vergleichbar mit der Rolle des Aufsichtsratschefs in deutschen Konzernen - allerdings in der Regel deutlich besser bezahlt. Den CEO-Posten soll Praxair-Chef Steve Angel übernehmen, er will das Unternehmen aus den USA heraus führen. Sollte die Staatsanwaltschaft tatsächlich Ermittlungen gegen Reitzle aufnehmen, geriete seine Rolle als Chairman des fusionierten Konzerns und damit die gesamte Architektur des Zusammenschlusses in Gefahr.

mit dpa und Reuters

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