23.11.2017  Die wichtigsten Fragen zum Abbau in der Kraftwerksparte

Hat Siemens diesen Kahlschlag nötig?

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Protest in Erfurt
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Protest in Erfurt

Mit seinem Kahlschlagsplan für die Turbinenproduktion vor allem in Ostdeutschland hat Siemens-Chef Joe Kaeser reichlich politisches Kapital verspielt. Die IG Metall kündigt "ordentlich Krawall" an, ihr Aufsichtsrat Jürgen Kerner will "dann mit der Siemens-Führung über die Schließungspläne verhandeln, wenn diese zurückgenommen werden". Im Bundestag mochte sogar der FDP-Abgeordnete Thorsten Herbst die Entscheidung "nicht nachvollziehen". Was also treibt Kaeser in die Konfrontation? Hier die wichtigsten Fragen.

Geht es Siemens so schlecht, dass der Konzern rund 7000 Stellen streichen und zwei Werke schließen muss?

Nach einem Rekordjahr mit 6,2 Milliarden Euro Nettogewinn und 11,2 Prozent Industriemarge sind solche Pläne besonders schwer zu vermitteln. "Wir können vier grüne Haken setzen", bejubelte Konzernchef Joe Kaeser die vorläufige Bilanz für 2017 - schob aber gleich einen Hinweis auf die Misere im Kraftwerksgeschäft nach. Seine kommunikative Aufgabe: den Konzern zugleich als erfolgreich wie nie darstellen und als Sanierungsfall in seinem Kerngeschäft.

"Defizitäre Geschäfte dauerhaft zu subventionieren, wäre verantwortungslos", argumentiert Personalchefin Janina Kugel. Die Jobs würden also geopfert, um an anderer Stelle in Wachstum investieren zu können. Kaesers Linie geht so: Das Wohl aller Beteiligten gehe über den Aktienwert, aber man müsse die Performance in Ordnung bringen, bevor man von aggressiven Investoren zu noch radikaleren Schritten gezwungen wird.

Lässt sich denn das Defizit der betroffenen Geschäftsteile belegen?

Auf Ebene der von Siemens veröffentlichten Spartenergebnisse nicht. Die Division Power & Gas ist von 11,4 Prozent auf 10,3 Prozent Ergebnismarge zurückgefallen und damit nicht mehr im Soll - aber immer noch hochprofitabel und mit 1,6 Milliarden Euro einer der größten Gewinnbringer im Konzern (nach der Medizintechnik, die an die Börse gebracht werden soll, und der Automatisierungssparte Digital Factory).

Die mit der Produktion von Industrieturbinen ebenfalls betroffene Sparte Process Industries and Drives zählt mit einer Industriemarge von 5 Prozent im Geschäftsjahr 2017 zu den Underperformern im Konzern. Gegenüber dem Vorjahr allerdings hat sie die Marge annähernd verdoppelt.

Und wie steht es um das Geschäft mit den großen Turbinen?

Dessen Ergebnis wird nicht veröffentlicht. Allzu positiv kann es aber nicht sein. Die Konzernführung verweist auf die unbestritten flaue Nachfrage. Weltweit ist der Absatz großer Gasturbinen mit mehr als 100 Megawatt Leistung laut Siemens von 249 im Geschäftsjahr 2011 kontinuierlich auf zuletzt 122 gesunken. Bis 2020 werde sich das Absatzniveau um 110 Stück einpendeln, eine Erholung sei nicht in Sicht. Die Industrie habe weltweit aber Produktionskapazität für 400 Turbinen im Jahr und liefere sich deshalb im Kampf um die verbliebenen Aufträge einen gnadenlosen Preiswettbewerb. Bei großen Dampfturbinen, die auch in Atom- und Kohlekraftwerken zum Einsatz kommen, soll es noch schlechter aussehen.

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