02.08.2018 
Von wegen "great again"

Siemens verdünnisiert sich heimlich

Ein Kommentar von
Siemens-Chef Joe Kaeser bei der Presse- und Analystenkonferenz am 2. August 2018
AFP
Siemens-Chef Joe Kaeser bei der Presse- und Analystenkonferenz am 2. August 2018

Sollte Siemens-Chef Joe Kaeser gehofft haben, teils maue Quartalszahlen mit Bekanntgabe einer neuen Strategie zu übertünchen, ist das nicht gelungen. In einem schwachen Markt ging es für die Siemens-Aktie bis zu fünf Prozent nach unten.

An der neuen Strategie lag das kaum. Da Grundzüge der "Vision2020+" via manager magazin schon vor sechs Wochen an die Öffentlichkeit gelangt waren, hatte der Aktienmarkt den erneuten Umbau schon eingepreist und hakte dieses Thema heute lediglich ab. Sowieso sollen sich die positiven Wirkungen wie jeweils zwei Prozentpunkte mehr Wachstum und höhere Margen erst mittel- bis langfristig entfalten.

Dass das kriselnde Geschäft mit Großkraftwerken den Quartalsgewinn des Konzerns fünf Prozent unter den Analysten-Konsensus drückte, ist dagegen schon heute sehr real. Für die Sorgensparte hält Siemens für 2019 nur noch eine Marge in "niedriger bis mittlerer" einstelliger Prozenthöhe statt des bisher avisierten mittleren bis höheren einstelligen Prozentsatzes für erreichbar; das sorgte bei Investoren zusätzlich für Missstimmung.

Dabei verdient Kaesers zweites Strategiekonzept, wegen seines Anfang 2021 anstehenden Abschieds zugleich sein Vermächtnis, eine intensive Betrachtung. Noch spricht der CEO zwar nur von "Optionalitäten", die er mit der Zusammenlegung der verbliebenen fünf Geschäftsdivisionen zu drei "operativen Unternehmen" schaffe. Mehr verriet er nicht, da konnten Analysten und Journalisten noch so dringend nach seinem "Endspiel", seinem finalen Ziel für den Konzern, fragen.

Wer indes Kaesers strategische Schritte der letzten Jahre - seinen "Flottenverbund" mit den wendigen Beibooten Medizintechnik (IPO als Siemens Healthineers), Wind (Fusion zu Siemens Gamesa) und Züge (Fusion zu Siemens Alstom) - sowie seine neuen Pläne zu einem Bild zusammensetzt, kann eigentlich nur zu folgendem Schluss kommen: In ein paar Jahren wird von dem einst stolzen Technologiekonzern bestenfalls noch eine Holding mit Geschäften zur Digitalisierung von Industrien und Gebäuden nebst den heute schon gelisteten Healthineers übrig sein.

Und wer weiß, vielleicht notieren langfristig sogar alle Geschäfte separat an der Börse, so dass es nicht einmal mehr eine Holding braucht. Die Frage ist, wer oder was dann überhaupt noch Siemens ist.

Auch als Kaeser vor vier Jahren ankündigte, die Medizintechnik eigenständig als "Unternehmen im Unternehmen" zu führen, war von einem Börsengang noch keine Rede. Stattdessen hieß es fast wortgleich wie heute, damit gebe man der Sparte auf ihrem sich fundamental wandelnden Markt "mehr Flexibilität". Erst nach und nach rückte Kaeser mit den Börsenplänen raus; die Erstnotiz folgte im März 2018.

Der nun angekündigte, neue Umbau geht noch deutlich weiter. Insgesamt wird es, so Kaesers Worte, künftig "sechs Siemens Unternehmen" geben. Neben den drei mehrheitlich gehaltenen Beibooten ("strategische Unternehmen") sind dies die drei "operativen Unternehmen" "Digital Industries" für Industrie- und Prozessautomatisierung mit Sitz in Nürnberg, "Smart Infrastructure" für Gebäudetechnik und Energieverteilung mit Sitz in Zug in der Schweiz und Energie mit Sitz im texanischen Houston.

Statt die durch die Ausgliederungen der Beiboote überflüssigen Stellen in der Zentrale selbst abzubauen, will Kaeser Tausende Jobs in die operativen Geschäfte verlagern. Weitere Ausgliederungen sind derzeit zwar nicht avisiert, werden mittelfristig aber auch nicht ausgeschlossen.

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