19.12.2018 
Martina Merz als Chefaufseherin für Thyssenkrupp

Eine Frau für die Mission Impossible an der Ruhr

Von
Martina Merz
Martina Merz

Einen Makel wird Martina Merz nicht so schnell los. Wenn die 55-Jährige während der Hauptversammlung von Thyssenkrupp im Januar zur künftigen Aufsichtsratschefin gewählt wird, würde sie zwar die erst zweite Frau an der Spitze eines Dax-Konzerns sein (nach Henkel-Chefaufseherin Simone Bagel-Trah, 49). Doch sie träte den Ersatz für eine ganze Garde von Wirtschaftspromis an, die den schier unmöglichen Kontrolljob bei Thyssenkrupp alle nicht wollten.

Ex-Telekom-Chef René Obermann hat abgesagt (nachdem sein Vorgänger Ulrich Lehner über "Psychoterror" klagend aufgab), Airbus-Chef Tom Enders hat abgesagt, Ex-Bayer-Chef Marijn Dekkers hat abgesagt, Ex-Deutsche-Bank-Vorstand Marcus Schenck hat abgesagt, zuletzt hat auch der scheidende Daimler-Finanzchef Bodo Uebber abgesagt.

Bernhard Pellens (62), der den Job jetzt macht, stellte sich im Interview mit manager magazin als "ordnende Hand" dar - zeigte zugleich aber keine Neigung, seinen Hauptjob als BWL-Professor in Bochum aufzugeben. Nach 15 Jahren im Aufsichtsrat kann er ohnehin nur bis 2020 weitermachen. Trotzdem wurde die Personalie Merz aus dem Gremium schon mit der Kritik kommentiert, warum es denn jetzt so schnell gehen müsse mit der Pellens-Nachfolge.

Martina Merz gilt als Liebling der Finanzinvestoren

Ein Grund liegt auf der Hand: Thyssenkrupp steht vor einem radialen Umbau. Die von Konzernchef Guido Kerkhoff für 2019 angekündigte Aufspaltung in zwei Firmen (Materials und Industrials) wird erst einmal Milliarden kosten, soll aber auf Dauer helfen, den seit über einem Jahrzehnt siechenden Konzern auf Rendite zu trimmen. Nach Informationen von manager-magazin.de ist Merz für den Job der Chefkontrolleurin beider Unternehmen vorgesehen.

Das ist wichtig für die Belegschaft, die im Konzern mächtige Gewerkschaft IG Metall und den Hauptaktionär Krupp-Stiftung, die alle um den Bestand des einzigen verbliebenen großen Ruhr-Konzerns fürchten.

Martina Merz selbst gilt als Liebling der Finanzinvestoren, die zunehmenden Einfluss nehmen. Erst Anfang Dezember wurde sie, flankiert von Lobeshymnen des schwedischen Großaktionärs Cevian (rund 18 Prozent der Stimmrechte) in den Aufsichtsrat berufen. Der Finanzinvestor kennt Merz vom Lkw-Hersteller Volvo, wo Cevian schon länger beteiligt ist und Merz seit 2015 im Board sitzt.

Neben Cevian, die sich schon seit Jahren im Interessengeflecht um Thyssenkrupp aufreiben, treiben kleinere Investoren die Dynamik voran. Im November stiegen der Staatsfonds von Singapur mit 3 Prozent und der US-Fonds Harris Associates mit 5 Prozent ein. Seit Mai ist der aggressive aktivistische Investor Elliott an Bord - unterhalb der Meldeschwelle von 3 Prozent, aber mit umso lauteren Forderungen.

Eine unabhängige Person an der Aufsichtsratsspitze, lautet die wichtigste. Martina Merz könnte das Kriterium als kapitalfreundliche Kontrolleurin erfüllen, ohne die Arbeitnehmerseite zu vergraulen.

Merz ist seit 2015 hauptberufliche Aufsichtsrätin mit inzwischen sechs Mandaten: neben Volvo und Thyssenkrupp zählen dazu der vor allem die Lufthansa sowie der unterfränkische Lkw-Zulieferer SAF Holland, wo Merz inzwischen auch den Vorsitz innehat, der belgische Stahldrahtspezialist Bekaert und der französische Baustoffhersteller Imerys. Möglicherweise wird sie demnächst ein Mandat abgeben - fünf Mandate gelten unter Corporate-Governance-Experten als Belastungsgrenze. Ihr Büro hat sie in Nachbarschaft des früheren Bosch-Chefs Bernd Bohr, in einer Startup-Schmiede unter dem Dach der Softwarefirma GFT in Stuttgart-Fasanenhof.

Die Schwäbin hat eine lange Karriere bei Bosch hinter sich, wo sie ausbildungsbegleitend auch ein Maschinenbaustudium mit Schwerpunkt Fertigungstechnik an der Berufsakademie Stuttgart absolvierte - wichtige Street Credibility für den Industrieriesen. Ihr Manko: Einen Konzern von der Größe oder Komplexität Thyssenkrupps hat sie nie auch nur ansatzweise geführt.

Zweimal wurden die unter Merz' Führung stehenden Bereiche des Autozulieferers von Bosch verkauft: 2002 die Fertigung von Türschlössern an das Familienunternehmen Brose, 2012 die Division Basisbremsen unter dem Namen Chassis Brakes International an den US-Finanzinvestor KPS Capital Partners. Beide Male wurde Merz als Chefin übernommen und gab Statements über den neuen "idealen Partner" ab.

Bei Brose musste sie anschließend einen großen Stellenabbau verantworten. Der "Stuttgarter Zeitung" sagte sie später: "Schwache Führungskräfte scheuen sich, kritische Themen anzusprechen." Als Ideal einer Managerin nannte sie "kompromisslos und zugleich von großer Zuneigung erfüllt". Das dürfte den Finanzinvestoren gefallen. Und noch mehr das: "Ich lasse es gerne auch mal krachen, und ich kann auch rustikal werden."

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